Selten stand Meta an so vielen Fronten gleichzeitig unter Beobachtung. Innerhalb weniger Tage wurde bekannt, dass der Konzern einen milliardenschweren Vergleich zum Jugendschutz eingeht, einen ehrgeizigen Plan zum Ersetzen Tausender Mitarbeiter durch Künstliche Intelligenz wieder verwerfen musste und außerdem an seinen Smartglasses nachbessert, um heimliche Aufnahmen zu erschweren. Dazu kommt die Forderung deutscher Verbraucherschützer, die Auflagen aus den USA auch hierzulande wirken zu lassen.

Diese Themen hängen enger zusammen, als es zunächst wirkt. Sie zeigen ein Unternehmen, das gleichzeitig mit den Grenzen seiner KI-Strategie, mit regulatorischem Druck und mit dem eigenen Image ringt. Wir ordnen ein, was passiert ist, welche konkreten Änderungen anstehen und was davon für dich als Nutzer relevant wird.

Der gescheiterte Umbau zum KI-nativen Konzern

Meta hatte laut einem Reuters-Bericht, den heise online aufgreift, deutlich radikalere Pläne als die bekannten Entlassungen vom Mai. Unter dem Namen Project OT sollten quer durch das Unternehmen Teams um bis zu 60 Prozent verkleinert werden. Das erklärte Ziel: „KI-nativ“ zu werden, also die tägliche Arbeit von deutlich kleineren, hochspezialisierten Teams steuern zu lassen, während KI-Systeme den Großteil der Routinearbeit übernehmen.

Mark Zuckerberg soll die Vorbereitungen Anfang des Jahres angeordnet haben, inspiriert von Start-ups, die ihre Betriebsstruktur von Grund auf um KI herum gebaut haben. Der Umbau war in zwei Wellen geplant, im Mai und im November. Doch nur wenige Stunden vor der geplanten Verkündung am 20. Mai kippte Zuckerberg die Pläne. Stattdessen kündigte Meta an, 8000 der rund 75.000 Beschäftigten zu entlassen und weitere 7000 auf neue Stellen zu versetzen, wo sie an KI-Werkzeugen und -Apps arbeiten sollen.

Meta bestätigte gegenüber Reuters die Existenz von Project OT und beschrieb es als Projekt zur Kosteneinsparung und Neugestaltung von Teamstrukturen. Die geplanten zwei Phasen und die Kürzungen von bis zu 60 Prozent in einzelnen Teams räumte der Konzern ein, betonte aber, es sei nie geplant gewesen, 60 Prozent der gesamten Belegschaft zu entlassen. Nicht jedes Szenario sei umgesetzt worden.

Warum die KI die Arbeit nicht ersetzen konnte

Interessant sind die Gründe für die Kehrtwende. Zum einen sackte die Stimmung in der Belegschaft ab: Laut interner Umfrage fiel die Mitarbeiterzufriedenheit von 74 auf 55 Prozent. Beigetragen haben soll eine neue Tracking-Software, die Mausbewegungen, Klicks und Tastenanschläge erfasste – vermutlich, um damit KI-Modelle zu trainieren. Auch die Bemühungen um gewerkschaftliche Organisation nahmen zu.

Zum anderen lieferte die KI schlicht nicht wie erhofft. Der generierte Code stieg zwar massiv an – Änderungen an internen Softwareplattformen und Infrastruktur wuchsen im Jahresvergleich um 220 Prozent. Doch Änderungen, die tatsächlich neue oder verbesserte Funktionen zu den Nutzern brachten, legten nur um 36 Prozent zu. Ein internes Posting warnte laut Reuters vor unkontrollierten KI-Agenten, die „groß angelegte, störende Aktionen“ ausführten, die Menschen wahrscheinlich nicht durchgeführt hätten. Schwerwiegende technische und sicherheitsrelevante Vorfälle wie Dienstunterbrechungen und Datenlecks stiegen um 40 Prozent, der Aufwand zur Behebung sogar um 70 Prozent.

Die zweite Umstrukturierungswelle im November wurde gestrichen. In einem internen Memo Ende Mai erklärte Zuckerberg, er rechne in diesem Jahr nicht mit weiteren unternehmensweiten Entlassungen und wolle mehr Stabilität bieten. Das Maus-Tracking wurde pausiert, Sozialleistungen wurden angehoben. Im Juli räumte er bei einer Mitarbeiterversammlung Fehleinschätzungen bei KI und dem Zeitpunkt der Umstrukturierung ein.

Der Milliarden-Vergleich in den USA

Parallel beendete Meta einen der größten Rechtsstreits seiner Geschichte. Wie t3n unter Berufung auf CNBC berichtet, einigte sich der Konzern mit klagenden US-Bundesstaaten auf eine Zahlung von bis zu 16,7 Milliarden US-Dollar, bevor der mit Spannung erwartete Prozess vor einem kalifornischen Bundesgericht richtig beginnen konnte. Meta selbst nannte in seiner Stellungnahme einen Gesamtbetrag von 18 Milliarden US-Dollar, aufgeteilt in zwei Tranchen.

Insgesamt hatten 29 US-Bundesstaaten geklagt. Der Vorwurf: Meta habe Plattformen wie Facebook und Instagram bewusst so gestaltet, dass sie Minderjährige süchtig machen, und die Risiken vor Eltern und Öffentlichkeit verborgen. Zudem soll der Konzern Daten von Kindern ohne Zustimmung der Eltern gesammelt haben – ein Verstoß gegen den Children's Online Privacy Protection Act. Allein Kalifornien soll bis zu 2,1 Milliarden Dollar erhalten. Texas einigte sich in einem separaten Verfahren auf eine Milliarde Dollar. Hinzu kommen 459 Millionen Dollar aus dem Cambridge-Analytica-Vorfall von 2018.

Meta wies die Vorwürfe zurück und betont weiterhin, sich für den Schutz junger Menschen einzusetzen. Der kalifornische Generalstaatsanwalt Rob Bonta erklärte, die Einigung mache soziale Medien für Kinder sicherer. Bemerkenswert: Der Vergleich verhindert klare Schuldzuweisungen und einen öffentlichen Prozess, bei dem interne Dokumente ans Licht kommen könnten. Auch müssen Zuckerberg und Instagram-Chef Adam Mosseri nicht unter Eid aussagen, und Meta entgeht dem Risiko, von einer Jury direkt für psychische Schäden haftbar gemacht zu werden.

Diese Änderungen kündigt Meta konkret an

Die Auflagen sollen nach gerichtlicher Genehmigung in den meisten beteiligten Bundesstaaten zehn Jahre lang gelten und automatisch für Minderjährige greifen. Wie heise online aus Metas Newsroom zusammenfasst, umfassen sie unter anderem:

  • Tägliches Nutzungslimit von zwei Stunden, das kumulativ über Instagram und Facebook zählt, mit regelmäßigen Erinnerungen. Aufheben lässt es sich nur mit Zustimmung der Eltern.
  • Nachtsperre zwischen Mitternacht und 6 Uhr, die den Zugang zu Feed, Stories, Explore und Reels blockiert.
  • Stummgeschaltete Benachrichtigungen während der Schulzeit von 8 bis 15 Uhr – ausgenommen sind nur Direktnachrichten und Sicherheitswarnungen.
  • Nicht-personalisierter Feed als Standardoption für Jugendliche, abschaltbare Autoplay-Funktion und verborgene Anzeige von Likes und Reaktionen.
  • Einschränkungen bei Beautyfiltern, verstärkte Altersverifikation und vermehrte Identifikation von Konten, die jünger als 13 Jahre sind.

Der Haken steckt im Detail: Einige Maßnahmen wie Zeitbegrenzung und Nachtmodus sollen zunächst nur fünf Jahre gelten. Verlängert werden sie auf zehn Jahre nur, wenn TikTok und YouTube vergleichbare Regeln einführen. Meta ruft die Konkurrenz ausdrücklich dazu auf und fordert zudem, dass App-Stores künftig verifizierte Altersinformationen bereitstellen. Machen die Wettbewerber nicht mit, kann sich Meta einiger Versprechen und Zahlungen also relativ rasch wieder entziehen.

Was deutsche Verbraucherschützer verlangen

Der US-Vergleich hat die Debatte in Deutschland befeuert. Ramona Pop, Vorständin des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv), erklärte gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland, Zeitlimits, nächtliche Sperren und deaktivierte Benachrichtigungen könnten den Nutzungsdruck von Minderjährigen zwar verringern. Für einen wirksamen Schutz reiche das aber bei Weitem nicht aus.

Pops Kritik zielt auf den Kern des Geschäftsmodells: „Geschäftsmodelle und Algorithmen, die darauf ausgelegt sind, Aufmerksamkeit möglichst lange zu binden.“ Kinder und Jugendliche bräuchten keine bloßen Nutzungsgrenzen, sondern Plattformen, die von vornherein sicher seien. Riskante Funktionen sollten erst freigeschaltet werden, wenn Nutzer ihre Volljährigkeit nachgewiesen hätten. Eine Verantwortungsverschiebung allein zu den Eltern lehnte sie ab. Wie Golem.de berichtet, betonte der vzbv außerdem, dass problematisches Plattformdesign nicht nur Minderjährige betrifft, sondern auch Erwachsene – und forderte „Safety by Design“ für alle.

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Foto: Golem.de

Auch die Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ meldete sich zu Wort. Deren Co-Vorsitzender Olaf Köller nannte den Vergleich einen „wichtigen Schritt“, hält die US-Maßnahmen aber ebenfalls für zu lasch. Für Europa setze die Einigung ein Signal, dass Jugendschutz „im Design digitaler Angebote verankert“ werden müsse. Seine Kommission hatte im Juni 56 Handlungsempfehlungen vorgelegt, die auf einem Dreiklang aus Schutz, Befähigung und Teilhabe beruhen. Michael Hubmann, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, sprach von einem Paradigmenwechsel: Meta erkenne mit dem Vergleich an, dass übermäßige Social-Media-Nutzung Gefahren bis zum Suizid bringen könne, und gestehe ein, bislang zu wenig getan zu haben.

Ein Milliarden-Vergleich im US-Format ist in Deutschland allerdings kaum denkbar. US-Gerichte können sogenannte Punitive Damages verhängen, also Strafschadensersatz zur Abschreckung. Genau diese drohenden Summen im dreistelligen Milliarden- oder gar Billionenbereich bewegten Meta überhaupt erst zum Vergleich. Das deutsche Zivilrecht kennt dagegen das Bereicherungsverbot: Schadensersatz bekommt nur, wer einen konkret nachweisbaren Schaden erlitten hat. Das Recht dient dem Ausgleich, nicht der Bestrafung.

Smartglasses: Meta schließt Lücke bei heimlichen Aufnahmen

Ein weiteres Baustellenfeld sind Metas Smartglasses. Die Tech-Brillen kämpfen mit einem Image-Problem, weil sich damit andere Personen heimlich filmen lassen. In Deutschland wurde deshalb bereits über ein Verbot diskutiert. Meta versucht gegenzusteuern – mit einem Update, das sich bemerkenswerterweise nicht primär an die eigenen Nutzer richtet, sondern an die Menschen im Umfeld.

Heimliche Aufnahmen mit Smartglasses: Meta schließt Lücke im System
Foto: t3n

Wie t3n unter Berufung auf Android Central berichtet, hatte Meta schon Anfang des Jahres ein Pflicht-Update ausgespielt: Wurde die Aufnahme-LED verdeckt, verweigerten die Brillen die Aufzeichnung. Manche Nutzer hatten das verräterische Lämpchen zuvor überklebt. Doch die Lösung hatte eine Lücke. Startete man die Aufnahme mit sichtbarer LED und machte sie erst danach unkenntlich, lief die Aufzeichnung einfach weiter – heimliche Aufnahmen blieben also möglich.

Das neue Update soll diesen Workaround beenden. Sobald die LED verdeckt wird, bricht die Brille die Aufnahme ab und setzt sie erst fort, wenn die Lampe wieder sichtbar ist. Laut Meta sollen weitere Updates folgen, damit die LED „verlässlich umstehende Personen alarmiert“. Der Konzern erklärt zudem, mehrere dubiose Dienste hätten schließen müssen, die Kunden das Manipulieren der LED angeboten hatten. Die zugehörigen Accounts und Posts seien von allen Meta-Plattformen entfernt worden.

Die andere Seite: Metas KI-Infrastruktur

Während KI intern für Ernüchterung sorgte, treibt Meta seine physische KI-Infrastruktur voran. In einem Beitrag im Meta Newsroom beschreibt der Konzern, wie er in seinen neuesten KI-Rechenzentren auf geschlossene Flüssigkeitskühlung setzt. Der Grund ist simpel: Je leistungsfähiger die KI-Hardware, desto mehr Wärme entsteht. Ab einem gewissen Punkt reicht klassische Luftkühlung nicht mehr aus.

Beim Closed-Loop-System zirkuliert ein Gemisch aus Wasser und Glykol in einem versiegelten Kreislauf durch die Serverhardware, gibt die Wärme über Wärmetauscher ab und wird wiederverwendet. Laut Meta lässt sich dieselbe Kühlflüssigkeit bis zu ein Jahrzehnt lang nutzen. Der Konzern widerspricht damit dem gängigen Bild, KI-Rechenzentren seien automatisch große Wasserverbraucher: Ein typisches KI-optimiertes Rechenzentrum mit dieser Technik verbrauche jährlich weniger Wasser als ein paar gutbesuchte Restaurants. Die Kühlung ermöglicht zudem, mehr GPUs auf gleicher Fläche unterzubringen. Konsistent mit der Open-Compute-Project-Tradition teilt Meta die Entwürfe offen – etwa mit der 2025 vorgestellten IcePack-Plattform.

Was bedeutet das für dich?

Die meisten der angekündigten Schutzmaßnahmen betreffen zunächst Minderjährige in den USA. Ob und wann vergleichbare Standards in Deutschland greifen, ist offen – die Debatte läuft, verbindliche Regeln fehlen bislang. Trotzdem gibt es konkrete Punkte, die für dich jetzt schon relevant sind:

  • Eltern von Jugendlichen: Verlasse dich nicht darauf, dass Zeitlimits und Nachtsperren automatisch hierzulande gelten. Prüfe die vorhandenen Elternkontrollen in Instagram und Facebook aktiv und richte sie selbst ein.
  • Erwachsene Nutzer: Auch für dich lohnt ein kritischer Blick auf die Standardeinstellungen. Autoplay lässt sich abschalten, Benachrichtigungen kannst du eingrenzen und einen weniger algorithmisch getriebenen Feed bevorzugen, wo verfügbar.
  • Rund um Smartglasses: Wenn du eine Meta-Brille besitzt, installiere das aktuelle Update. Und im Umfeld von Trägern hilft es zu wissen, dass die LED künftig zuverlässiger anzeigen soll, wenn aufgenommen wird.
  • Datenschutz allgemein: Metas Umgang mit Tracking – vom Maus-Monitoring der Mitarbeiter bis zum KI-Training – zeigt, wie zentral Datensammlung für den Konzern bleibt. Überprüfe regelmäßig deine Privatsphäre-Einstellungen.

Unterm Strich signalisiert der Vergleich einen Kurswechsel: Meta räumt implizit ein, dass Selbstverpflichtungen bisher nicht ausgereicht haben. Ob daraus dauerhafte Verbesserungen werden, hängt aber stark davon ab, ob auch Wettbewerber wie TikTok und YouTube nachziehen – und ob europäische Regulierer eigene, verbindliche Vorgaben schaffen.

Kurz beantwortet

Häufige Fragen

Wie viel muss Meta im US-Vergleich zahlen?

Nach Angaben der klagenden Bundesstaaten und CNBC handelt es sich um bis zu 16,7 Milliarden US-Dollar, Meta selbst nennt einen Gesamtbetrag von 18 Milliarden US-Dollar in zwei Tranchen. Kalifornien soll bis zu 2,1 Milliarden Dollar erhalten, Texas einigte sich separat auf eine Milliarde. Hinzu kommen 459 Millionen Dollar aus dem Cambridge-Analytica-Fall von 2018.

Gelten die neuen Jugendschutzregeln auch in Deutschland?

Nein, die Auflagen betreffen zunächst die beteiligten US-Bundesstaaten und sollen dort nach gerichtlicher Genehmigung bis zu zehn Jahre gelten. In Deutschland gibt es bislang keine entsprechenden verbindlichen Vorgaben. Verbraucherschützer und Experten fordern jedoch vergleichbare oder strengere Regeln und setzen darauf, dass der US-Vergleich als Signal für Europa wirkt.

Was war Project OT und warum wurde es gestoppt?

Project OT war Metas Plan, „KI-nativ“ zu werden, indem Teams um bis zu 60 Prozent verkleinert und viele Aufgaben an KI übergeben werden. Zuckerberg kippte das Vorhaben kurz vor der Verkündung im Mai. Als Gründe gelten die stark gesunkene Arbeitsmoral, Tracking-Kritik sowie unzuverlässige KI-Agenten, die zwar viel Code, aber kaum echten Mehrwert und mehr technische Vorfälle produzierten.

Was ändert Meta bei den Smartglasses?

Ein Update sorgt dafür, dass die Brillen die Aufnahme abbrechen, sobald die Status-LED verdeckt wird, und erst fortsetzen, wenn sie wieder sichtbar ist. Damit schließt Meta eine Lücke, über die sich zuvor heimlich weiterfilmen ließ. Weitere Updates sollen folgen, damit die LED umstehende Personen zuverlässiger warnt.

Verbrauchen Metas KI-Rechenzentren viel Wasser?

Laut Meta nicht so viel, wie oft angenommen. Die neuesten KI-optimierten Rechenzentren nutzen geschlossene Flüssigkeitskühlung, bei der ein Wasser-Glykol-Gemisch in einem versiegelten Kreislauf zirkuliert und bis zu zehn Jahre wiederverwendet wird. Ein solches Rechenzentrum verbrauche jährlich weniger Wasser als ein paar gutbesuchte Restaurants, so der Konzern.