Kaum ein Technikthema wird derzeit so widersprüchlich diskutiert wie künstliche Intelligenz. Während einige Konzernchefs vor einer alles vernichtenden Superintelligenz warnen, kämpfen Bürgerrechtler an einer ganz anderen Front: gegen konkrete Pläne von Ermittlungsbehörden, biometrische Gesichtserkennung und anlasslose Datenanalyse zur Realität zu machen. Gleichzeitig zeigen nüchterne Zahlen, dass der viel beschworene Roboter-Boom bislang ausbleibt.

Die vergangenen Tage haben eine ganze Reihe an Meldungen gebracht, die zusammengenommen ein Bild ergeben: KI ist längst kein Zukunftsversprechen mehr, sondern greift in Ãberwachung, Kriegsführung, Glücksspiel und Alltag ein – oft schneller, als Politik und Gesellschaft die Folgen durchdenken. Dieser Ãberblick ordnet die wichtigsten Entwicklungen ein.

BKA will anonym auf Gesichtsdatenbanken zugreifen

Im Bundestag läuft der zweite Anlauf für ein Gesetzespaket, das den Ermittlungsbehörden neue digitale Befugnisse geben soll. Die schwarz-rote Koalition will dem BKA einen biometrischen Abgleich anhand von Internetdaten, eine automatisierte Datenanalyse sowie das Testen und Trainieren von IT-Produkten für Bundespolizeibehörden ermöglichen. Das Bundeskabinett beschloss dazu am 29. April 2026 drei Gesetzentwürfe.

Am 21. September 2026 fand in Berlin eine gemeinsame Anhörung von Innen- und Justizausschuss statt. Der Rechtsanwalt Kai Kempgens vom Deutschen Anwaltverein warnte, die Regelungen würden die Erstellung umfangreicher Persönlichkeitsprofile ermöglichen und entsprächen nicht den Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts zum Datenschutz. Besonders brisant: Das BKA erklärte in seiner Stellungnahme, dass Anbieter biometrischer Gesichtsdatenbanken wie Clearview AI oder Pimeyes von den Behörden auch anonym genutzt werden könnten.

Genau diese Anbieter haben ihre Datenbanken ohne Zustimmung der Betroffenen aufgebaut. Pia Sombetzki von der Organisation Algorithm Watch warnte in der Anhörung, ein Abgleich solle etwa in den USA oder Dubai durchgeführt werden können, wo „die biometrische Massenüberwachung schon längst Alltag ist“. Solche Methoden seien ein beliebtes Instrument autoritärer Machthaber und sollten nicht „leichtfertig unter der Ãberschrift Modernisierung der Polizei“ eingeführt werden. Zur Vorgeschichte: Der Bundesrat hatte ein von der Ampelkoalition beschlossenes Gesetz überraschend abgelehnt, woraufhin Union und SPD eine Neuauflage mit zusätzlichen Befugnissen vorlegten. Details zu den Plänen finden sich im Bericht von Golem.de.

Europol soll KI anlasslos mit Daten füttern dürfen

Parallel zur deutschen Debatte plant die EU-Kommission eine Ausweitung der Datenbefugnisse von Europol. Ein im Juni 2026 vorgelegter Verordnungsentwurf sieht vor, bisherige verfahrensrechtliche Schutzmechanismen abzubauen. Vorgaben zur Verhältnismäßigkeit und zur konkreten Verknüpfung gespeicherter Personendaten mit Straftaten stuft Brüssel als administrative Lasten ein.

Bislang darf Europol personenbezogene Daten nur speichern, wenn konkrete Anhaltspunkte für deren Relevanz vorliegen. Die Einhaltung überwacht der Europäische Datenschutzbeauftragte Wojciech Wiewiórowski. Künftig soll eine anlasslose Datenrecherche gestattet werden – die Trennung zwischen VerdMchtigen und Unschuldigen fiele weg. Die Kommission begründet das mit dem hohen Datenbedarf fortschrittlicher Analysewerkzeuge und des maschinellen Lernens.

Politik: EU-Kommission will Europol-Datenbefugnisse ausweiten
Foto: Golem.de

Nach einer Analyse der Bürgerrechtsorganisation Statewatch soll die Reform den Einsatz experimenteller KI-Systeme im Polizeialltag verankern. Europol erwirkte zudem Ausnahmen von Monitoring-, Aufsichts- und Transparenzpflichten des AI Acts für Hochrisiko-KI. Geplant sind ein europäischer Polizeidatenraum auf Cloudbasis, Zugriff auf das Prm-II-Netzwerk mit biometrischen Daten sowie die Wiederaufnahme systematischer Massendatenübermittlungen durch Frontex. Statewatch warnt, dass der Abbau verfahrensrechtlicher Standards das Risiko von Diskriminierung und Justizirrtmern erhöhe. Mehr dazu im Bericht von Golem.de.

KI im Krieg: Wenn falsche Daten tödlich werden

Wie gefährlich blindes Vertrauen in KI-Systeme sein kann, zeigt ein Fall aus dem Iran-Krieg. In der ersten Welle eines US-Luftschlags auf die südiranische Stadt Minab starben laut einer UN-Untersuchungskommission 123 Kinder in einer Schule. Die USA griffen das Gebäude an, weil sich dort auf Basis ihrer Aufklrungsdaten eine Marineeinheit der Iranischen Revolutionsgarden befinden sollte.

Der Wirtschaftsdienst Bloomberg zeichnete nach, wie es zu dem tödlichen Fehler kam. Kommerzielle Satellitenaufnahmen aus den Jahren 2017 und 2018 zeigten bereits, dass ein Teil des Geländes längst in eine Schule umgewandelt worden war – erkennbar an Mauern, Eingängen und einem Fuballplatz. Einige Geheimdienstanalysten hatten die Umwidmung bemerkt, doch die Information war in einem System protokolliert, das nicht mit der militärischen Zieldatenbank verbunden war.

Das zuständige Zentralkommando setzt für komplexe Operationen die Software Maven des US-Anbieters Palantir Technologies ein, die mehr als 150 Datenquellen zu einem Informationsbild fusioniert. Der Befehl, innerhalb von 24 Stunden mehr als 1.000 Ziele zu treffen, komprimierte den Zeitraum für die Zielfestlegung stark. Verbunden mit Defiziten bei den Grunddaten, Personalkrzungen beim Schutz von Zivilisten und einer übermäßigen Abhängigkeit von KI-Systemen bereitete das den Boden für die Katastrophe. Die Lehre ist unbequem: Selbst die beste Datenfusion kann falsche Ausgangsinformationennnichttkompensierenn – Details im Bericht von Golem.de.

Panikmache oder berechtigte Sorge? Die AGI-Debatte

Während solche realen Schäden passieren, dominiert öffentlich eine andere Erzhlung: die Angst vor einer übermächtigen Superintelligenz. Elon Musk, Sam Altman und Dario Amodei warnen medienwirksam vor einer alles vernichtenden KI, während OpenAI von erreichter AGI seiner Astra-Modelle spricht. Der Anthropic-Forscher Jacob Coxon zieht sich aus der Branche zurück, weil er ein Auslschungsrisiko von über zehn Prozent durch sich selbst verbessernde KI-Systeme sieht.

Dem stehen viele Fachleute skeptisch gegenüber. Auf der European Conference on Computer Vision Anfang September 2026 in Malmö wiederholte Yann LeCun, einer der renommiertesten KI-Forscher, seine These, dass große Sprachmodelle nicht zielführend für echte Intelligenz seien. Intelligenz definierte er mit Jean Piaget als das, „was du tust, wenn du nichts weißt“ – also die Fähigkeit, sich in gänzlich neuen Situationen zurechtzufinden. Genau hier bestehen große Lücken zwischen KI und Mensch.

Der Kern der Debatte ist eine Definitionsfrage. AGI steht für Artificial General Intelligence. OpenAI definiert sie als Punkt, an dem eine Maschine bei den meisten wirtschaftlich wertvollen Tätigkeiten einen Menschen übertrifft. Nach dieser Logik wäre schon ein schnelles Buchhaltungsprogramm „intelligent“. Sprachmodelle sind zwar mächtig und wirtschaftlich bedeutsam, aber ihre Erfolge messen sich an Benchmarks – konkreten Fähigkeiten, nicht an echter Intelligenz. Der Golem-Autor Tim Elsner argumentiert in seinem Kommentar, dass viel vom aktuellen Getöse schlicht Getöse sei – eine Mischung aus Marketingtönen und daran anknüpfender Berichterstattung.

Was KI heute wirklich kann – und was nicht

Zwischen Weltuntergangsrhetorik und Ernchterung liegen konkrete Fähigkeiten. OpenAIs GPT-6 Astra soll einen bislang als ungelöst geltenden verschlüsselten Funkspruch der deutschen Streitkräfte von Ende November 1918 entschlüsselt haben. Der Spruch war mit dem ADFGVX-Verfahren chiffriert. Die Lösung fiel allerdings unspektakulär aus: Das Modell probierte laut dem Entwickler ein bereits bekanntes Schlüsselwort („Truppenverschiebung“) aus. Eine unabhängige Bestätigung fehlt bislang, auf scienceblogs.de gilt die Chiffre weiter als nicht decodiert.

Ãberzeugender ist ein zweiter Fall: Bei einer Enigma-Nachricht der Deutschen Armee vom Juli 1941 soll GPT-6 Astra selbständig Archive durchforstet, einen Enigma-Simulator gebaut, den Code für die Kryptoanalyse programmiert und 14,8 Millionen Schlüssel geprüft haben. Hier bestätigten unabhängige Tester das Ergebnis; das Cryptocellar-Archiv erkannte die Lösung an. Details schildert t3n. Solche Fälle zeigen: KI ist stark beim systematischen Durchprobieren und Kombinieren – nicht bei genialen Einfällen aus dem Nichts.

Der Roboter-Boom bleibt aus

Auch die physische Seite der KI-Revolution verluft nüchterner als versprochen. 2025 wurden laut International Federation of Robotics weltweit nur rund 7.000 humanoide Roboter für industrielle Zwecke verkauft – viele davon an Forschungseinrichtungen. Zum Vergleich: Bei klassischen Industrierobotern liegt der Jahresabsatz bei knapp 500.000 Stück. In den wenigen Autofabriken, die zu den ersten Kunden zählen, verrichten die Humanoiden keine Arbeit, sondern sammeln nur Daten für künftiges Training.

Die Bank of America prognostiziert dennoch 90.000 verkaufte Einheiten für 2026 und 1,2 Millionen für 2030 – ein Anstieg auf das 60-Fache in fünf Jahren. Ob die Maschinen zuverlässig ein Kabel einstecken oder ein Objekt greifen können, ist laut Golem.de aber noch ungewiss. Rennen und springen können sie mittlerweile besser als Menschen – nützliche Arbeit leisten sie noch nicht.

KI im Alltag: Glücksspiel und dein ChatGPT-Gedächtnis

Wie KI heute schon konkret in Leben eingreift, zeigt ein Fall aus der Glücksspielbranche. Der Sportwettenanbieter DraftKings entwickelte 2023 ein KI-Modell, um die Effektivitt von Werbeaktionen wie Gratiswetten zu analysieren. Laut einer Recherche der New York Times, gesttzt auf Dokumente und Interviews mit über 40 ehemaligen Beschäftigten, sollte das Modell ermitteln, welche Nutzer nach dem Erhalt von Boni am wahrscheinlichsten hohe Verluste erzielen. Ein Algorithmus vergab Punktwerte auf Basis von Spielhufigkeit, Kontoständen und dem Verhältnis von Einsätzen zu Verlusten.

Bei Mitarbeitern kamen Bedenken auf, weil sich gerade Kunden mit Anzeichen von Suchtverhalten als profitabelste Zielgruppe erwiesen. Ein Datenanalyst bezeichnete die Strategie im Nachhinein als raubtierhaft. DraftKings wies die Vorwürfe zurück und erklärte, Werbeaktionen richteten sich an dauerhaft aktive Nutzer. Die Recherche schildert Golem.de.

Näher am eigenen Alltag ist das Gedächtnis von ChatGPT. Der Chatbot merkt sich laut OpenAI Interessen, bevorzugte Antwortstile und langfristige Ziele. Seit einem Update im Juni 2026 speichert und sortiert er Erinnerungen automatisch im Hintergrund und entscheidet selbst, was wichtig genug ist. Das ist bequem, kann aber zu falschen Annahmen führen: Wer eine Woche Reparaturanleitungen recherchiert, gilt plötzlich als Heimwerker. Wichtig zu wissen: Du kannst das Gedächtnis im Profil unter „Personalisierung“ steuern, Einträge einsehen, korrigieren, lschen oder die Funktion komplett abschalten. Temporre Chats speichern gar nichts. t3n erklärt die Einstellungen im Detail.

Was bedeutet das für dich?

Die Meldungen wirken zunächst weit weg – Ermittlungsbehrden, Kriegsschauplltze, Konzernstrategien. Doch mehrere Punkte betreffen dich direkt oder indirekt:

  • Biometrie geht alle an: Wenn Behörden Dienste wie Clearview AI nutzen dürfen, könnten öffentlich zugängliche Fotos – etwa aus sozialen Netzwerken – zur Grundlage biometrischer Abgleiche werden. Ãberlege, welche Bilder von dir öffentlich auffindbar sind.
  • Prfe dein ChatGPT-Gedächtnis: Ãffne die Einstellungen unter „Personalisierung“ und „Gedächtnis“, sieh dir an, welches Profil die KI über dich angelegt hat, und lösche falsche oder sensible Einträge.
  • Nutze temporäre Chats: Für sensible oder einmalige Anfragen speichern sie nichts – die sicherste Methode bleibt, dem Chatbot nichts Persnliches zu erzählen.
  • Bleib skeptisch bei KI-Ergebnissen: Der Entschlüsselungsfall zeigt, dass spektakuläre Behauptungen oft eine unabhängige Bestätigung brauchen. Verlasse dich nicht blind auf ein einzelnes Ergebnis.
  • Ordne den Hype ein: Zwischen Weltuntergangswarnungen und Marketingversprechen liegt die Realität. Weder ist die Superintelligenz da, noch sind humanoide Roboter reif für den Arbeitsalltag.

Häufige Fragen

Was ist Clearview AI und warum ist der Einsatz umstritten?

Clearview AI ist ein Anbieter einer biometrischen Gesichtsdatenbank, die aus öffentlich zugänglichen Internetfotos aufgebaut wurde – ohne Zustimmung der abgebildeten Personen. Genau das gilt in Europa als unzulässig. Kritisch ist, dass das BKA laut eigener Stellungnahme solche Dienste auch anonym nutzen könnte, wodurch der Abgleich in Lndern mit laxeren Datenschutzstandards stattfände.

Ist die Superintelligenz wirklich kurz vor der Tür?

Das ist stark umstritten. Während einige Konzernführer und ein Anthropic-Forscher vor existenziellen Risiken warnen, halten viele Fachleute wie Yann LeCun große Sprachmodelle für ungeeignet, um echte, allgemeine Intelligenz zu erreichen. LLMs glänzen bei Benchmarks und beim Kombinieren, tun sich aber schwer damit, gänzlich neue Situationen zu bewältigen. Ein baldiger Durchbruch zur AGI ist keineswegs gesichert.

Kann ich verhindern, dass ChatGPT sich Dinge über mich merkt?

Ja. In deinem Profil findest du unter „Personalisierung“ den Abschnitt „Gedächtnis“ mit einem Schalter, der die Speicherfunktion deaktiviert. Ãber „Verwalten“ kannst du einzelne Einträge einsehen, korrigieren oder löschen. Für einzelne Gespräche eignen sich temporäre Chats, die nach dem Schließen nichts behalten.

Hat GPT-6 Astra tatsächlich historische Codes geknackt?

Teilweise bestätigt. Bei einer Enigma-Nachricht von 1941 haben unabhängige Tester das Ergebnis anerkannt, und das Cryptocellar-Archiv führt sie nicht mehr als ungelöst. Der Funkspruch von 1918 dagegen wurde bislang nicht unabhängig bestätigt und gilt auf scienceblogs.de weiter als nicht decodiert. Zudem beruhte die Lösung dort auf einem bereits bekannten Schlüsselwort.

Warum bleibt der Boom bei humanoiden Robotern aus?

2025 wurden weltweit nur rund 7.000 Humanoide für industrielle Zwecke verkauft, viele davon an Forschungseinrichtungen. Die Maschinen können zwar rennen und springen, verrichten in Fabriken aber bislang keine echte Arbeit, sondern sammeln vor allem Trainingsdaten. FeinmotorikaufgabennwiedasEinsteckenneines Kabels bleiben eine Hürde. Prognosen von einem enormen Wachstum bis 2030 sind daher mit Vorsicht zu genießen.