Drohnenkrieg in der Ukraine: Wie FPV, elektronische Kriegsführung und Lieferketten das Gefechtsfeld neu schreiben

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Executive Summary

Der Drohnenkrieg in der Ukraine markiert keinen isolierten Technologietrend, sondern einen strukturellen Wandel moderner Kriegsführung. Günstige FPV-Drohnen verschieben die Kostenlogik des Gefechtsfeldes, während elektronische Kriegsführung (Jamming und Spoofing) den elektromagnetischen Raum zur zweiten Front macht.

Produktionszahlen in Millionenhöhe – wie sie vom Thinktank OSW berichtet werden – zeigen, dass Drohnen längst industrielle Verbrauchsgüter geworden sind. Gleichzeitig erzwingen sie infrastrukturelle Anpassungen wie tausende Kilometer Anti-Drohnen-Netze entlang von Versorgungsrouten (Reuters, 25.02.2026).

Der Konflikt ist damit nicht nur ein Wettlauf zwischen Drohne und Panzer, sondern ein Wettbewerb um Anpassungsfähigkeit: Wer schneller produziert, besser im Funkraum agiert und Lieferketten stabil hält, verschafft sich strategische Vorteile.

Die entscheidende Erkenntnis: Moderne Kriege werden zunehmend durch Systeme aus Hardware, Software, Industrie, Frequenzen und Daten entschieden – nicht durch einzelne Waffentypen.

Der Drohnenkrieg in der Ukraine ist seit 2022 von einem „Hilfsmittel“ zur Aufklärung zu einer eigenen, dauerhaften Ebene der Kriegsführung geworden. Was früher einzelne Quadrokopter über der Front waren, ist heute ein dichtes Ökosystem aus Aufklärungsdrohnen, FPV-Angriffsdrohnen, loitering munition, Störtechnik, improvisierten Schutzmaßnahmen und einer Industrie, die in Monatszyklen iteriert. Dieser Artikel erklärt, was sich dadurch wirklich verändert hat: nicht nur Taktik, sondern die Logik von Bewegung, Tarnung, Logistik, Kosten und Beweisführung.

Wichtig: Dieser Text ist als Tech-Deep-Dive geschrieben, nicht als Tagesmeldung. Das Ziel ist, die technischen Mechanismen hinter Schlagworten wie „FPV“, „Jamming“ und „Spoofing“ verständlich zu machen und sie mit belastbaren Zahlen aus öffentlich verfügbaren Quellen zu verbinden. Wo Zahlen kontextabhängig sind oder Bandbreiten haben, wird das transparent markiert. Wo Informationen nur als Indikatoren taugen, wird das ausdrücklich eingeordnet.


Was du in diesem Artikel mitnimmst (TL;DR)

  • FPV-Drohnen verschieben die Kostenlogik: Relativ günstige Systeme können teure Ziele bedrohen und zwingen den Gegner zu teuren Gegenmaßnahmen.
  • Produktion ist Strategie: Der Krieg wird zunehmend durch die Fähigkeit entschieden, Drohnen in großen Stückzahlen zu bauen, zu reparieren und in Serien zu verbessern.
  • Elektronische Kriegsführung ist die zweite Front: Wer Funk und Navigation stört oder täuscht, kann ganze Drohnen-Taktiken unbrauchbar machen.
  • Gegeninnovationen entstehen in Echtzeit: Glasfaser-Drohnen, alternative Navigation und KI-Assistenz sind Antworten auf Störung und Spoofing.
  • Infrastruktur und Lieferketten werden Teil der Kriegsführung: Straßen werden mit Netzen geschützt, und Dual-Use-Komponenten machen Sanktionen und Kontrolle kompliziert.
  • Drohnenbilder verändern die Wahrnehmung: Videos sind Propaganda, Abschreckung und zunehmend auch Material für OSINT und Beweisführung.

Methodik und Quellenstandard

Damit der Artikel für Leserinnen und Leser nachvollziehbar bleibt (und von anderen Redaktionen verlinkt werden kann), folgt er drei einfachen Regeln:

  • Primärquellen vor Sekundärquellen: Wo möglich, werden Thinktank-Analysen, offizielle Datenbanken und etablierte Nachrichtenquellen verlinkt.
  • Klare Trennung zwischen Fakten und Interpretation: Zahlen werden als Zahlen dargestellt. Einordnung wird als Einordnung formuliert.
  • Transparenz bei Unsicherheit: Wenn Quellen Bandbreiten nutzen („several hundred“), wird nicht so getan, als sei ein Punktwert exakt. Stattdessen wird die Annahme erklärt.

Du findest im Text bewusst viele direkte Quellenlinks, damit du einzelne Aussagen schnell überprüfen kannst. Für das Grundverständnis sind besonders relevant:


Wenn du direkt zu einem Thema springen willst:


Die neue „Luft-Schicht“: Warum Drohnen den Bodenkrieg neu definieren

Seit 2022 hat sich über dem Gefechtsfeld eine neue, dauerhafte Ebene etabliert: eine „Luft-Schicht“ aus unbemannten Systemen, die ständig aufklären, Ziele markieren, Angriffe fliegen oder Abwehrreaktionen auslösen. Anfangs waren es oft handelsübliche Quadrokopter, die Soldaten und Freiwillige für Aufklärung, Lagebilder und Schadensanalyse einsetzten. Heute überlagern sich mehrere Drohnentypen und Gegenmaßnahmen gleichzeitig: Aufklärungsdrohnen, FPV-Systeme, loitering munition, Drohnenabwehr, Störtechnik und taktische Täuschung.

Diese Schicht verändert Grundprinzipien militärischer Operationen. Bewegung wird riskanter, weil Entdeckung einfacher geworden ist. Tarnung wird anspruchsvoller, weil Sensorik und Drohnendichte zunehmen. Nachschub wird verwundbarer, weil wiederkehrende Routen leichter erkannt und angegriffen werden. Und Reaktionszeiten schrumpfen, weil zwischen „sehen“ und „wirken“ immer weniger Zwischenschritte liegen. Das Center for Strategic and International Studies beschreibt den Ukrainekrieg deshalb als Innovationsschleife unter realen Gefechtsbedingungen: Systeme werden ausprobiert, angepasst und wieder eingesetzt, nicht in jahrelangen Programmen, sondern in kurzen Iterationszyklen. Quelle: CSIS

Für eine technische Einordnung ist entscheidend: Drohnen sind nicht nur Hardware. Drohnen sind ein System. Dieses System umfasst Produktion, Ersatzteilversorgung, Akkulogistik, Wartung, Ausbildung, Funk- und Frequenzmanagement, Auswertung von Videodaten und die taktische Integration in Artillerie- und Infanterieabläufe. In der Praxis entscheidet daher nicht allein, wie gut ein einzelner Drohnentyp ist, sondern wie gut eine Seite hohe Verlustraten kompensieren, schnell lernen und Verbesserungen aus der Front in skalierbare Fertigung überführen kann.

Genau an diesem Punkt beginnt die eigentliche Geschichte des modernen Drohnenkriegs: Dort, wo Technik, Industrie und Organisation zusammenkommen. Im nächsten Abschnitt gehen wir deshalb direkt in die ökonomische Kernlogik: Warum FPV-Drohnen so viel verändern, obwohl sie technisch oft aus der zivilen Welt stammen.

FPV und Kostenlogik: Wenn „billig“ strategisch wird

FPV-Drohnen (First Person View) sind die auffälligste und zugleich missverstandene Komponente des Drohnenkriegs. Viele Leserinnen und Leser sehen darin „Hobbytechnik mit Sprengstoff“. Das trifft den Ursprung, aber nicht die heutige Rolle. FPV-Systeme sind in der Ukraine zu einer Standardwaffe geworden, weil sie ein Problem lösen, das klassische Waffen teuer machen: die letzten Sekunden bis zum Treffer. Eine FPV-Drohne wird über einen Live-Video-Feed gesteuert. Der Operator kann in der Endphase korrigieren, den Anflugwinkel ändern, Hindernissen ausweichen und den Einschlagpunkt gezielt wählen. Unter den Bedingungen eines hochdynamischen Gefechtsfelds ist genau diese Endphasensteuerung der entscheidende Vorteil.

Die technische Basis stammt aus der zivilen Renn- und Hobby-Szene: Rahmen, Motoren, Flight Controller, Kamera, Videosender, Empfänger und Akkus. In der Ukraine werden diese Komponenten systematisch militärisch angepasst. Das bedeutet in der Praxis:

  • Payload-Integration: Halterungen und Zünder werden so gebaut, dass die Sprengladung stabil bleibt und zuverlässig detoniert.
  • Antennen und Link-Optimierung: Reichweite und Durchdringung werden durch Antennen-Setups, Positionierung und manchmal auch Verstärker verbessert.
  • Rahmen und Crash-Resistenz: Robustere Frames, besserer Kabelschutz, vibrationsärmere Montagen.
  • Bildqualität und Latenz: Kameras und Videoübertragung werden so gewählt, dass der Operator in der Endphase nicht „blind“ wird.
  • Front-Modifikationen: Anpassungen an lokale Störlagen, Wetter, Gelände und verfügbare Ersatzteile.

Das Ergebnis ist eine Waffe, die nicht „perfekt“ sein muss, um taktisch relevant zu sein. FPV-Drohnen sind in vielen Szenarien Verbrauchsgüter. Sie gehen verloren durch Abschuss, Störung, Bedienfehler, Wetter, Defekte oder schlicht, weil sie als Einweg-System eingesetzt werden. Genau deshalb entsteht eine neue Logik: Nicht die einzelne Drohne ist entscheidend, sondern das Verhältnis aus Kosten, Wirkung und Ersetzbarkeit.


Warum FPV-Drohnen die Kostenlogik kippen

Der strategische Effekt von FPV-Drohnen lässt sich als Cost Imposition beschreiben: Ein Angreifer kann mit relativ günstigen Systemen wiederholt Druck erzeugen, während der Verteidiger gezwungen ist, teure Gegenmaßnahmen aufzubauen. Diese Gegenmaßnahmen sind nicht nur „mehr Waffen“. Es sind zusätzliche Schichten aus elektronischer Kriegsführung (Jammer), baulichen Schutzmaßnahmen (Netze, Käfige, Überdachungen), geänderter Logistik (andere Routen, kleinere Konvois), zusätzlichem Personal für Tarnung, Beobachtung und Abwehr, und in vielen Fällen auch neue Beschaffungsprioritäten für Luftverteidigung und Anti-Drohnen-Technik.

Das Center for Strategic and International Studies ordnet den Drohnenkrieg als Innovationsprozess ein, in dem Anpassung und Skalierung entscheidend werden. FPV-Systeme passen genau in diese Logik: Sie sind schnell herstellbar, schnell modifizierbar und lassen sich in hoher Stückzahl einsetzen. Quelle: CSIS

Wichtig ist: Diese Kostenlogik ist nicht automatisch ein „Siegrezept“. Sie erzeugt auch Risiken. Wenn der Gegner die Funkverbindung stört, wenn Wetter und Gelände den Einsatz erschweren, oder wenn Operatoren fehlen, sinkt die Wirksamkeit. Trotzdem bleibt der Kernpunkt bestehen: FPV-Drohnen verschieben die ökonomische Balance, weil sie teure Ziele und teure Schutzmaßnahmen gleichzeitig erzwingen können.


Einordnungs-Grafik: Größenordnungen statt falscher Präzision

Preise in einem laufenden Krieg sind schwierig, weil sie von vielen Faktoren abhängen: Qualität der Komponenten, Verfügbarkeit, Schmuggel- und Umgehungswege, lokale Fertigung, Spendenmärkte, militärische Standardisierung, aber auch vom Zeitpunkt. Deshalb ist es journalistisch sauber, hier mit Größenordnungen zu arbeiten und das offen zu deklarieren.

Die folgende Grafik ist bewusst als Größenordnungs-Vergleich gestaltet. Sie soll nicht behaupten, dass jede FPV-Drohne immer exakt 800 US-Dollar kostet oder dass jede Excalibur-Granate immer exakt denselben Stückpreis hat. Sie zeigt, wie groß der Abstand typischer Kostenklassen ist, wenn ein Einweg-System mit Endphasensteuerung gegen sehr teure Plattformen oder Munition steht.

Quellenhinweis und Methodik: Die Einordnung der Kosten- und Skalierungslogik folgt der CSIS-Analyse zum Drohnenkrieg als Innovations- und Anpassungszyklus. CSIS. Die hier gezeigten Zahlen sind bewusst als Größenordnungen gewählt. FPV-Drohnenpreise variieren stark je nach Setup und Verfügbarkeit; im Feld werden häufig Werte im Bereich einiger hundert bis etwa 1.500 US-Dollar genannt. Excalibur-Stückkosten werden in öffentlichen Beschaffungs- und Verteidigungsdiskussionen häufig um etwa 100.000 US-Dollar verortet. Kosten für T-72 und moderne IFVs schwanken je nach Zustand, Modernisierung und Beschaffungskanal; die Darstellung nutzt Größenordnungen, um den Abstand der Kostenklassen sichtbar zu machen.


Was diese Asymmetrie in der Praxis auslöst

Wenn günstige Systeme wiederholt Wirkung erzeugen können, verschiebt sich die Art, wie Armeen Ressourcen verteilen. Drei Effekte sind besonders relevant:

  • Skalierung wird wichtiger als Perfektion: Ein System, das nicht jedes Mal trifft, kann trotzdem strategisch wirksam sein, wenn es in hoher Zahl verfügbar ist und kontinuierlich verbessert wird.
  • Gegenmaßnahmen werden zum Kostentreiber: Der Verteidiger muss nicht nur Drohnen abschießen. Er muss auch Funkdisziplin, Emissionsmanagement, Tarnung, baulichen Schutz und organisatorische Prozesse ausbauen.
  • Taktiken werden kleinteiliger: Große, leicht sichtbare Bewegungen werden riskanter. Das begünstigt dezentralere Operationen und häufigere Positionswechsel.

Diese Dynamik erklärt, warum im Ukrainekrieg Produktion, Ersatzteilversorgung und Training so stark in den Vordergrund rücken. FPV-Drohnen sind nicht nur ein „neues Werkzeug“, sondern ein Hebel, der Organisation und Kostenstruktur verändert. Genau deshalb ist der nächste Schritt in der Analyse nicht „Welche Drohne ist die beste?“, sondern: Wie viele Drohnen lassen sich herstellen, wie schnell lassen sie sich ersetzen, und wie groß ist die Lücke zwischen Verbrauch und Bedarf?

Im nächsten Abschnitt gehen wir deshalb weg von Einzeltechnik und hin zur Kriegsökonomie: Produktionszahlen, Verbrauchsraten und die Frage, warum Millionen Drohnen nicht automatisch „genug Drohnen“ bedeuten.


Quellen zu diesem Abschnitt

Produktion und Verbrauch: Warum Millionen Drohnen nicht automatisch „genug“ bedeuten

Wenn FPV-Drohnen die Kostenlogik verschieben, dann entscheidet im nächsten Schritt etwas viel Bodenständigeres: Stückzahlen, Ersatzteile und Durchhaltefähigkeit. Der Drohnenkrieg in der Ukraine ist in weiten Teilen ein Verbrauchskrieg. Drohnen sind keine „einmal beschafft, jahrelang genutzt“-Systeme, sondern werden in hoher Frequenz eingesetzt und gehen entsprechend häufig verloren. Das zwingt beide Seiten zu einer Kriegsökonomie, die eher an Munitionslogik erinnert: Nachschub, Lager, Qualitätssicherung, Standardisierung, Training und schnelle Iteration sind nicht Beiwerk, sondern zentrale Voraussetzungen dafür, dass Drohnen überhaupt dauerhaft wirksam bleiben.

Für Tech-Leserinnen und -Leser ist hier ein wichtiger Perspektivwechsel nötig: In der Drohnendebatte wird oft über Modelle und Reichweiten gesprochen. In der Praxis entscheidet aber häufig die Frage: Wie viele Systeme kommen tatsächlich vorne an, wie schnell werden sie ersetzt, und wie groß ist die Lücke zwischen Einsatzverbrauch und Bedarf?


Die OSW-Zahlen: Produktion als strategischer Indikator

Eine der klarsten öffentlich verfügbaren Größenordnungen liefert der polnische Thinktank OSW. In seinem Kommentar „Game of drones: production and use on the Ukrainian battlefield (unmanned aerial vehicles)“ (14.10.2025) berichtet OSW, dass die Ukraine 2024 etwa 2,2 Millionen UAVs verschiedener Typen produziert habe. Für 2025 werde erwartet, dass die Zahl 4,5 Millionen überschreitet, davon mehr als 2 Millionen FPV-Drohnen. Quelle: OSW (14.10.2025)

Diese Zahlen sind deshalb so wichtig, weil sie den Konflikt aus der „Waffensystem“-Logik herausholen und in eine „Industrie- und Iterations“-Logik überführen. Selbst wenn die genaue Zahl in der Realität schwankt, ist die Größenordnung das Signal: Drohnen werden in industrieller Dimension gedacht.

Quelle: OSW, „Game of drones: production and use on the Ukrainian battlefield (unmanned aerial vehicles)“, 14.10.2025. Link


Warum „Produktion“ nicht gleich „Frontverfügbarkeit“ ist

Produktion klingt nach einer sauberen Kennzahl, ist aber nur die Spitze des Systems. Zwischen „produziert“ und „wirkt an der Front“ liegt eine Kette von Engpässen, die in der öffentlichen Debatte oft unterschätzt werden:

  • Komponentenmärkte: Motoren, Flight Controller, Kameras, Funkmodule und Akkus sind nicht beliebig verfügbar. Schon kleine Engpässe erzeugen große Lücken in der Endmontage.
  • Qualität und Ausfallraten: In einem Umfeld schneller Iteration werden Systeme manchmal bewusst „gut genug“ gebaut. Das kann hohe Ausfallraten bedeuten, die wiederum die reale Verfügbarkeit drücken.
  • Transport und Lagerhaltung: Drohnen müssen verteilt, gelagert, geladen, repariert und nachgeführt werden. Logistik ist unter Drohnenbedrohung selbst ein Risiko (ein Thema, das später durch Reuters-Netzpläne noch greifbarer wird).
  • Training und Teamstruktur: Drohnen skalieren nicht automatisch mit Hardware. Operatoren müssen ausgebildet werden, und FPV-Einsätze erfordern oft Teams aus Pilot, Spotter/Koordinator, Techniker und Funkmanagement.
  • Frequenz- und EW-Lage: Eine Drohne, die in Laborbedingungen gut fliegt, kann unter starker Störung wirkungslos sein. Das führt zu regional unterschiedlichen „Frontverfügbarkeiten“.

Der entscheidende Punkt: Ein Land kann sehr hohe Produktionszahlen melden und dennoch operative Lücken haben, wenn diese Kette nicht stabil ist. Genau deshalb sind Zahlen wie die OSW-Schätzung so wertvoll, aber sie sind nicht das Ende der Analyse, sondern der Startpunkt.


Verbrauch vs. Bedarf: Die OSW-Diskrepanz auf Brigadenebene

OSW liefert neben Produktionszahlen auch eine Aussage, die selten so klar zitiert wird, weil sie direkt in die operative Realität führt: Es wird geschätzt, dass eine einzelne Brigade mehrere hundert FPV-Drohnen pro Monat einsetzt, während der tatsächliche Bedarf bei etwa 2.500 FPV-Drohnen pro Monat liege. Quelle: OSW (14.10.2025)

Der Ausdruck „mehrere hundert“ ist eine Bandbreite. Um nicht künstlich zu dramatisieren, wird hier konservativ mit 300 als Beispielwert visualisiert. Diese Annahme ist absichtlich vorsichtig und wird transparent gemacht. Wenn du es noch strenger willst, kann man statt eines Punktwerts eine Spannen-Grafik (zum Beispiel 300 bis 700) bauen. Für Lesbarkeit und klare Aussage zeigt die folgende Grafik zunächst die konservative Variante.

Quelle: OSW, 14.10.2025. Hinweis: „several hundred“ ist eine Bandbreite; 300 ist konservativ gewählt, um die Lücke nicht künstlich zu überzeichnen. Link

Warum ist diese Diskrepanz so wichtig? Weil sie zeigt, dass die entscheidende Frage nicht lautet „Haben wir Drohnen?“, sondern „Haben wir genug Drohnen für die Taktik, die wir inzwischen als Standard betrachten?“. Wenn Drohnen in die Routine integriert werden, steigt der Bedarf sprunghaft: mehr Aufklärung, mehr Zielzuweisung, mehr FPV-Angriffe, mehr „Overwatch“ über Bewegungsachsen. Daraus folgt, dass selbst Millionenproduktion in aggregierter Statistik nicht automatisch bedeutet, dass jede Einheit ausreichend versorgt ist.


Der unterschätzte Engpass: Menschen, Zeit und Auswertung

Eine weitere Ebene ist die personelle und organisatorische Last. Drohnen sind unbemannt, aber ihr Einsatz ist personalintensiv. Ein FPV-Team muss nicht nur fliegen, sondern auch:

  • Missionen planen: Startpunkt, Flugroute, Funklage, mögliche Störzonen.
  • Hardware vorbereiten: Akkus, Antennen, Videoempfang, Ersatzteile, Sicherungen.
  • Videomaterial auswerten: Trefferbewertung, Zielbestätigung, Learning für nächste Iteration.
  • Mit anderen Waffengattungen koordinieren: Artillerie, Infanterie, EW, manchmal Luftabwehr.

Je stärker Drohnen zum Standard werden, desto mehr wächst die „Backoffice“-Seite: Wartung, Reparatur, Ersatzteilmanagement, Training, Funkdeconfliction. Das ist einer der Gründe, warum der nächste Abschnitt fast zwangsläufig in die elektronische Kriegsführung führt: Wenn Drohnen überall sind, wird der elektromagnetische Raum zur zweiten Front. Und dort entscheidet sich, ob die Millionenproduktion tatsächlich in Wirkung übersetzt wird.

Im nächsten Abschnitt geht es deshalb um die Kernmechanismen der elektronischen Kriegsführung: Jamming, Spoofing, Frequenzmanagement und die Frage, warum nicht nur Technik, sondern auch Personal und Struktur über EW-Erfolg entscheiden.


Quellen zu diesem Abschnitt

Elektronische Kriegsführung: Warum Jamming, Spoofing und Frequenzkampf zur zweiten Front geworden sind

Je mehr der Drohnenkrieg in der Ukraine von unbemannten Systemen geprägt wird, desto mehr wird der elektromagnetische Raum zum eigentlichen Gefechtsfeld. Denn Drohnen sind fast immer auf Signale angewiesen: auf Steuerfunk, auf Videolinks, auf Navigationsdaten (GNSS wie GPS, Galileo oder GLONASS) und auf digitale Koordination. Wer diese Signale stören, täuschen oder orten kann, kann nicht nur einzelne Drohnen aus dem Himmel holen, sondern ganze Taktiken entwerten.

Wichtig ist dabei eine nüchterne Erkenntnis: Elektronische Kriegsführung ist in der Ukraine nicht „ein Spezialist mit einem Jammer“. Sie wird zu einer Fähigkeit, die quer durch Ebenen und Waffengattungen gedacht werden muss. Das Royal United Services Institute (RUSI) beschreibt moderne Landoperationen als ein Wettbewerbsfeld im elektromagnetischen Spektrum, in dem es ständig um Abwägungen geht: Wann ist Kommunikation wichtiger als Störung? Wann ist Störung wichtiger als eigene Drohnennutzung? Wie verhindert man Eigenstörung? Wie organisiert man Frequenzen, ohne das Gefechtsfeld in Chaos zu verwandeln? Quelle: RUSI (PDF)


Jamming, Spoofing, Ortung: Drei EW-Mechanismen, drei unterschiedliche Risiken

„EW“ wird in Debatten oft unscharf benutzt. Für das Verständnis der Drohnenrealität ist es hilfreicher, die wichtigsten Mechanismen sauber zu trennen. Im Kontext des Drohnenkriegs wirken vor allem drei Kategorien:

  • Störung (Jamming): Ein Störsender überlagert eine Funkverbindung. Das kann die Steuerung zwischen Operator und Drohne treffen, aber auch den Videostream oder Navigationssignale. Praktische Folgen: Bildausfall, Kontrollverlust, Failsafe, Absturz oder Rückkehrlogik.
  • Täuschung (Spoofing): Hier wird nicht „alles laut gemacht“, sondern ein scheinbar plausibles falsches Signal geliefert. Besonders relevant ist GNSS-Spoofing: Die Drohne erhält Positionsdaten, aber falsche. Praktische Folgen: Drift, falsche Routen, unbemerkte Abweichung, Mission scheitert ohne sichtbaren „Blackout“.
  • Aufklärung und Ortung (Electronic Support / Reconnaissance): Wer Funksignale erkennt und lokalisiert, kann Drohnenteams, Relaispunkte oder Jammer selbst finden. Praktische Folgen: Gegenfeuer, gezielte Angriffe auf Operatoren oder EW-Geräte.

Diese Kategorien hängen zusammen. Wer jammert, sendet selbst und kann ortbar werden. Wer spoofed, muss ein stärkeres oder glaubwürdigeres Signal liefern als das echte und verrät damit Aktivität. Wer ortet, braucht Zeitfenster und ausreichend Emissionen. In der Realität entsteht ein Kreislauf: Störung zwingt zu Frequenzwechseln und neuen Antennenlösungen, Ortung zwingt zu Funkdisziplin, und Spoofing zwingt zu alternativer Navigation.


Ein selten zitierter Engpass: EW ist messbar auch ein Personal- und Strukturproblem

Ein besonders wertvoller Punkt aus dem RUSI-Paper ist, dass es nicht nur abstrakt über Technik spricht, sondern eine konkrete operative Realität beschreibt: Die Effektivität von Ortung hängt an Baselines. Vereinfacht gesagt: Mehrere EW-Positionen im Raum erlauben bessere Triangulation, also präzisere Lokalisierung von Signalquellen. RUSI beschreibt, dass in Teilen der Ukraine im Jahr 2022 und Anfang 2023 häufig nur zwei EW-Positionen pro Sektor verfügbar waren, während drei als optimal gelten. Der Grund sei nicht mangelnder Wille, sondern mangelnde Ausstattung und Personal. Quelle: RUSI (PDF)

Das ist für eine technische Analyse entscheidend, weil es zeigt: EW skaliert nicht automatisch, nur weil man Geräte beschafft. EW ist ein System aus Personal, Ausbildung, Verteilung im Raum und Koordination. Wenn diese Struktur fehlt, sinkt Ortungspräzision, und die Gegenseite erhält mehr Spielraum für Funksignaturen und Drohnenoperationen.

Quelle: RUSI, „Competitive Electronic Warfare in Modern Land Operations“ (PDF). RUSI beschreibt, dass in der Ukraine 2022 und frühes 2023 häufig nur zwei statt der optimalen drei EW-Positionen pro Sektor möglich waren. Link


Frequenzen entscheiden: Warum Jamming oft zwischen Wirksamkeit und Eigenstörung pendelt

Jamming wirkt auf dem Papier einfach: Drohne entdeckt, stören. In der Praxis ist es komplexer, weil beide Seiten vielfach auf ähnlichen Frequenzbereichen operieren, insbesondere im kommerziellen Umfeld. Wer breitbandig und aggressiv stört, kann nicht nur gegnerische Drohnen, sondern auch die eigenen Systeme beeinträchtigen. Wer zu engbandig stört, wird umgangen: durch Frequenzwechsel, neue Modulationen, Antennentricks oder schlicht durch alternative Ausrüstung.

RUSI beschreibt diese Realität als eine Kette von Abwägungen im elektromagnetischen Spektrum. Jede Entscheidung hat Nebenwirkungen. Wer Kommunikation priorisiert, erlaubt dem Gegner mehr Drohnenwirksamkeit. Wer Störung priorisiert, riskiert Eigenstörung, Funkchaos oder das Aussetzen eigener Fähigkeiten. Quelle: RUSI (PDF)

Um diese Abstraktion greifbar zu machen, ist es hilfreich, konkrete Frequenzfenster zu zeigen. Genau deshalb ist ein Bericht, der Frequenzen explizit benennt, journalistisch besonders wertvoll.


Konkretes Beispiel: Veres-2 und die Logik von Frequenzfenstern

Ukrainska Pravda berichtete am 25.08.2025 über ein ukrainisches EW-System namens „Veres-2“ und nannte dabei explizit Frequenzbereiche, in denen das System wirken könne: 1160–1280 MHz, 1560–1630 MHz, 2400–2500 MHz, 5160–5280 MHz und 5725–5850 MHz. Diese Bereiche decken unter anderem GNSS-Fenster sowie typische Steuer- und Videokanäle (2,4 GHz und 5,8 GHz) ab. Der Bericht nennt aber auch eine entscheidende Einschränkung: low-frequency FPV-Drohnen unterhalb von 1160 MHz könnten damit nicht gejammt werden. Quelle: Ukrainska Pravda (25.08.2025)

Das ist mehr als ein technisches Detail. Es zeigt, warum der Drohnenkrieg wie ein Anpassungswettlauf funktioniert: Wenn ein System bestimmte Frequenzfenster dominiert, entsteht ein Anreiz, auf andere Bänder auszuweichen. Daraus folgen neue Hardware-Setups, neue Antennen, neue Logistik und oft auch neue Beschaffungsmuster. EW ist damit nicht nur Abwehr, sondern eine Kraft, die den gesamten Drohnenmarkt und die Taktik mitformt.

Quelle: Ukrainska Pravda (25.08.2025) nennt diese Frequenzbereiche und weist darauf hin, dass low-frequency FPV-Drohnen unterhalb von 1160 MHz nicht abgedeckt sind. Link


Spoofing ist gefährlicher als Jamming, weil es „normal“ aussehen kann

Während Jamming oft sofort sichtbar wird (Videobild weg, Kontrolle weg), ist Spoofing tückischer. Bei GNSS-Spoofing erhält ein System Positionsinformationen, aber falsche. Für den Operator wirkt es dann nicht wie ein Angriff, sondern wie ein „unerklärlicher Drift“ oder ein scheinbar normaler Navigationsfehler. Genau deshalb gilt Spoofing in vielen technischen Diskussionen als besonders gefährlich, weil es die Fehlersuche erschwert und Systeme in die falsche Richtung lenken kann.

Ein TechRxiv-Preprint („The Rise of GPS Spoofing Attacks on Drones in the Russia-Ukraine War“, 09.07.2025) diskutiert diese Mechanismen und ordnet Spoofing als wachsende Bedrohung für UAV-Systeme ein. Da es sich um eine Vorveröffentlichung handelt, ist der richtige journalistische Umgang: Sie eignet sich gut für die Erklärung technischer Mechanismen, aber man sollte sie nicht als abschließende, peer-reviewte Wahrheit verkaufen. Quelle: TechRxiv (09.07.2025)

Für das Gefechtsfeld bedeutet das: Je stärker autonome Funktionen und GNSS-basierte Routinen genutzt werden, desto größer wird das Spoofing-Risiko. Gleichzeitig erklärt dieses Risiko, warum Gegeninnovationen wie alternative Navigation, Sensorfusion oder sogar glasfasergeführte Drohnen überhaupt attraktiv werden.


Messbarer Indikator: GNSS-Interferenzfälle in Europa als „Echo“ der EW-Realität

Eine Herausforderung bei EW-Analysen ist, dass präzise Frontdaten selten öffentlich sind. Wie viele Drohnen genau durch Jamming oder Spoofing ausfallen, ist operativ sensibel. Es gibt jedoch Indikatoren, die zeigen, wie stark GNSS-Interferenz als Phänomen zunimmt. Ein Euronews-Bericht vom 05.09.2025 fasst behördliche Angaben zusammen und macht die Größenordnung sichtbar:

  • Litauen: mehr als 1.000 Fälle GNSS-Interferenz im Juni 2025; laut Bericht sei das 22-mal so viel wie im Juni 2024 (Angabe des litauischen Kommunikationsregulators).
  • Polen: 2.732 Fälle von GPS-Jamming und Spoofing im Januar 2025.

Quelle: Euronews (05.09.2025)

Diese Zahlen sind kein direkter „Drohnenverlust-Tracker“ für die Front. Aber sie sind ein starkes Signal dafür, dass GNSS-Interferenz in der Region massiv zunimmt und damit die technische Umwelt, in der Drohnen operieren, real härter wird. Für einen Tech-Deep-Dive ist genau dieser Brückenschlag wertvoll: EW ist kein isoliertes Frontphänomen, sondern hat messbare Ausstrahlungseffekte.

Quelle: Euronews, 05.09.2025. Litauen: über 1000 Fälle im Juni 2025 und 22-facher Anstieg gegenüber Juni 2024; Polen: 2732 Fälle im Januar 2025. Link


Takeaway: EW ist kein „Schalter“, sondern ein Wettbewerb um Anpassungszyklen

Elektronische Kriegsführung ist im Drohnenkrieg der Ukraine nicht nur Abwehr. Sie ist ein eigener Manöverraum, der ständig Nebenwirkungen erzeugt. Wer stört, kann den Gegner blenden, riskiert aber Eigenstörung und Ortbarkeit. Wer spoofed, kann Systeme heimlich fehlleiten, braucht aber technische Voraussetzungen und Timing. Wer ortet, kann Drohnenteams bekämpfen, braucht aber Personal, Baselines und geeignete Emissionslagen.

Genau deshalb führt EW nicht zu einem „Ende der Drohnen“, sondern zu einem Innovationsdruck: Frequenzwechsel, Antennenoptimierung, alternative Navigation und radikale Lösungen wie glasfasergeführte Systeme sind direkte Antworten auf Jamming und Spoofing. Im nächsten Abschnitt geht es deshalb um die Gegeninnovationen: Wie sich Drohnen an ein elektromagnetisch feindliches Umfeld anpassen und warum die nächste Evolutionsstufe nicht nur mehr Funk, sondern manchmal sogar weniger Funk bedeutet.


Quellen zu diesem Abschnitt

Gegeninnovationen: Glasfaser, Navigation ohne GNSS und KI-Assistenz als Antwort auf den Funkkrieg

Elektronische Kriegsführung erzeugt im Drohnenkrieg in der Ukraine einen Innovationsdruck, der ungewöhnlich direkt ist. In klassischen Rüstungsprozessen werden Systeme entwickelt, getestet und erst Jahre später in großen Stückzahlen eingeführt. In der Ukraine werden Drohnen und Gegenmaßnahmen unter realen Gefechtsbedingungen in kurzen Iterationszyklen angepasst. Wenn Jamming und Spoofing zunehmen, entstehen zwangsläufig technische Antworten. Manche dieser Antworten sind hochdigital, andere wirken fast überraschend „analog“. Genau diese Mischung macht den Drohnenkrieg technologisch so interessant: Er zwingt zu pragmatischen Lösungen, die nicht aus einem Labor kommen, sondern aus der Frage: Was funktioniert heute unter Störung?

Dieser Abschnitt erklärt drei Gegeninnovationen, die immer wieder in Analysen und Frontberichten auftauchen: glasfasergeführte FPV-Systeme, alternative Navigation ohne GNSS und KI-Assistenz in der Zielphase. Wichtig ist dabei eine saubere Einordnung: Nicht jede dieser Technologien ist flächendeckend standardisiert, und nicht jede Behauptung aus Social Media ist verifizierbar. Deshalb liegt der Fokus hier auf Mechanismen und auf dem „Warum“ dieser Ansätze.


Glasfaser statt Funk: Warum kabelgebundene FPV-Systeme plötzlich wieder logisch wirken

Der Kernmechanismus elektronischer Kriegsführung lautet: Wer sendet, kann gestört und geortet werden. Funkverbindungen sind verwundbar, weil sie in einem Spektrum stattfinden, das beide Seiten aktiv bekämpfen. Eine radikale, aber technisch einfache Idee ist daher: Funk vermeiden. Genau das leisten glasfasergeführte oder kabelgebundene FPV-Drohnen. Statt Steuer- und Videodaten per Funk zu übertragen, wird ein dünnes Kabel (oft Glasfaser, manchmal auch andere Leitungen) während des Fluges von einer Spule abgerollt.

Die Vorteile liegen auf der Hand:

  • Kein klassisches Jamming der Steuerung: Wenn keine Funkverbindung genutzt wird, kann ein Jammer die Steuerung nicht auf übliche Weise überlagern.
  • Geringere Ortbarkeit durch Funkemission: Ohne starke Sendeleistung fällt ein wichtiger Ortungsindikator weg.
  • Weniger Abhängigkeit von GNSS: Wenn die Drohne visuell in FPV-Endphase geführt wird, sinkt die Rolle von GPS für die präzise Zielphase.

Aber diese Lösung ist nicht „kostenlos“. Sie hat harte Nachteile, die erklären, warum sie nicht jede Funkdrohne ersetzt:

  • Physische Begrenzung der Reichweite: Die maximale Distanz wird vom Kabel bestimmt.
  • Risiko des Verhakens oder Reißens: In bewaldeten Gebieten, urbanen Ruinen oder bei komplexen Flugprofilen kann das Kabel hängen bleiben.
  • Gewicht und Aerodynamik: Spule und Leitung erhöhen Gewicht und können Flugstabilität beeinflussen.
  • Logistik: Kabelspulen sind Verbrauchsmaterial. Das System braucht eine eigene Versorgung.

Genau diese Trade-offs zeigen etwas Grundsätzliches: Der Drohnenkrieg wird nicht linear „immer digitaler“. Dort, wo der elektromagnetische Raum besonders feindlich ist, gewinnen physische Umgehungslösungen an Attraktivität. Das wirkt kontraintuitiv, ist aber eine direkte Antwort auf die Realität aus Abschnitt 4: Wer im Funkkrieg unterliegt, sucht Alternativen.


Navigation ohne GNSS: Sensorfusion als Antwort auf Spoofing und Jamming

Wenn GNSS-Signale gestört oder getäuscht werden, wird die Navigation zur Achillesferse. Das betrifft nicht nur autonome Drohnen. Auch Systeme, die primär per Funk gesteuert werden, nutzen GNSS häufig für Stabilisierung, Rückkehrlogik, Koordinatenmarkierung, Kartenreferenzen oder für die Integration in eine digitale Feuerkette. Spoofing ist dabei besonders gefährlich, weil es wie „normale Navigation“ aussieht, nur eben mit falschen Daten.

Die technische Gegenlogik lautet: Reduziere die Abhängigkeit von einem einzigen externen Signal. In der Praxis läuft das auf Sensorfusion hinaus. Drei Bausteine sind dabei besonders relevant:

  • Inertiale Navigation (INS): Gyroskope und Beschleunigungssensoren berechnen Bewegungen und Lage ohne externe Signale. Vorteil: unabhängig. Nachteil: Drift über Zeit.
  • Visuelle Navigation: Kameras vergleichen Muster im Gelände (Terrain Matching) oder nutzen Feature-Tracking, um Position relativ zum Umfeld zu bestimmen. Vorteil: GNSS-unabhängig. Nachteil: abhängig von Sicht, Licht, Rauch, Wetter.
  • Optical Flow: Aus Bewegungsmustern im Bild werden Geschwindigkeit und Drift abgeleitet. Vorteil: robust in niedriger Höhe. Nachteil: kann bei homogenen Flächen oder schlechten Lichtbedingungen schwächer werden.

Die entscheidende technische Idee ist nicht, dass ein einzelner Sensor perfekt ist, sondern dass mehrere unperfekte Sensoren zusammen ein stabileres Gesamtbild liefern. Wenn GNSS wegfällt oder widersprüchliche Daten liefert, kann ein System zumindest kurzfristig weiter navigieren. Das ist im Drohnenkrieg besonders relevant, weil viele Missionen kurz sind. Selbst ein INS mit Drift kann in kurzen Zeitfenstern ausreichend sein, wenn es durch visuelle Korrekturen stabilisiert wird.

Diese Entwicklung hat eine klare Nebenwirkung: Sie erhöht die Rechenlast an Bord. Wo früher einfache Flight Controller dominierten, werden zunehmend leistungsfähigere Prozessoren nötig, um Bilddaten in Echtzeit auszuwerten. Der Drohnenkrieg wirkt damit wie ein Beschleuniger für Edge-Computing im Miniaturformat. Genau dieser Trend erklärt, warum „Software“ in den letzten Jahren so stark in den Vordergrund rückt.


KI-Assistenz statt „vollautonomer Killer-Drohne“: Was realistisch ist und was nicht

Wenn über KI im Krieg gesprochen wird, entsteht schnell ein extremes Bild: vollständig autonome, selbstentscheidende Systeme. In der Praxis ist der wahrscheinlichere und derzeit plausiblere Schritt ein anderer: KI-Assistenz. Das bedeutet, dass menschliche Operatoren weiterhin steuern, aber Algorithmen einzelne Aufgaben unterstützen:

  • Zielerkennung als Hinweis: Ein Modell markiert potenzielle Ziele im Videobild (zum Beispiel Fahrzeuge oder Stellungen), damit der Operator schneller entscheidet.
  • Zielverfolgung: Ein Objekt wird im Bild stabil verfolgt, sodass der Operator weniger korrigieren muss.
  • Stabilisierung in der Endphase: Wenn die Verbindung kurz instabil wird, kann ein Assistenzalgorithmus den Kurs glätten oder eine letzte Richtung halten.

Das ist technisch plausibel, weil viele dieser Funktionen aus der zivilen Welt bekannt sind: Computer Vision, Tracking, Objekterkennung. Der Unterschied ist das Einsatzumfeld: Rauch, Tarnung, Schlamm, zerstörte Strukturen und extreme Lichtwechsel machen militärische Bilderkennung schwerer als viele zivile Anwendungen.

Gleichzeitig ist die Grenze zwischen Assistenz und Autonomie politisch sensibel. Internationale Debatten über „Lethal Autonomous Weapon Systems“ (LAWS) drehen sich genau um die Frage, wie viel Entscheidungsmacht Maschinen erhalten dürfen. Der Ukrainekrieg beschleunigt diese Debatte, weil er reale Einsatzumgebungen zeigt, in denen Software bereits eine entscheidende Rolle spielt. Entscheidend ist hier journalistische Präzision: Wenn ein System eine Zielmarkierung liefert, ist das nicht dasselbe wie ein System, das selbstständig tödliche Entscheidungen trifft. Beide Dinge werden in Debatten oft vermischt, obwohl sie technisch und ethisch unterschiedliche Stufen sind.


Warum diese Gegeninnovationen so schnell entstehen: Frontlabor statt Rüstungsprogramm

Eine der auffälligsten Eigenschaften des Ukrainekriegs ist die Geschwindigkeit, mit der Anpassungen stattfinden. Der Innovationszyklus ist kurz, weil das Feedback direkt aus der Praxis kommt. Drohnen-Teams erkennen innerhalb weniger Tage oder Wochen, welche Frequenzen gestört werden, welche Antennen funktionieren, welche Kameras bei Dämmerung besser sind, welche Propeller unter Regen ausfallen, oder welche Softwareeinstellungen zu Problemen führen. Diese Erkenntnisse fließen in neue Iterationen ein, oft nicht in zentralen Fabriken, sondern in Werkstätten, bei kleinen Herstellern oder in dezentralen Produktionsnetzwerken.

Diese Dynamik hat mehrere Folgen:

  • Technische Überlegenheit ist selten dauerhaft: Gegenmaßnahmen entstehen schnell.
  • Standardisierung bleibt schwierig: Systeme werden ständig modifiziert.
  • Innovation verteilt sich auf viele Akteure: Nicht nur Großkonzerne, sondern kleine Teams prägen den Fortschritt.
  • Qualitätssicherung wird zur Herausforderung: Geschwindigkeit kann zu Ausfallraten führen.

Genau deshalb sollte man den Drohnenkrieg nicht als „Drohnen gegen Panzer“ beschreiben, sondern als Wettbewerb um Anpassungsfähigkeit. Elektronische Kriegsführung zwingt zu Gegeninnovationen. Gegeninnovationen verändern wiederum die EW-Lage. Das Ergebnis ist ein permanenter technologischer Wettlauf.


Takeaway: Der Funkkrieg zwingt zu hybriden Lösungen

Abschnitt 4 hat gezeigt, dass Jamming, Spoofing und Ortung den elektromagnetischen Raum zur zweiten Front machen. Abschnitt 5 zeigt die Antwort: Glasfaserlösungen umgehen Funk, alternative Navigation reduziert GNSS-Abhängigkeit, KI-Assistenz beschleunigt menschliche Entscheidungen. Keine dieser Technologien ist eine universelle Lösung. Jede bringt neue Kosten, neue Logistik und neue Verwundbarkeiten. Aber gemeinsam zeigen sie, wohin die Entwicklung geht: Drohnen werden nicht verschwinden, sondern sich an die Realität des Funkkriegs anpassen.

Im nächsten Abschnitt wird diese Logik auf eine andere Ebene übertragen: Wenn Drohnen und EW so zentral sind, dann verändern sie nicht nur einzelne Gefechte, sondern Infrastruktur, Lieferketten und die industrielle Organisation von Krieg. Dort entstehen die nächsten harten, zitierfähigen Zahlen – und genau dort wird der Konflikt für Tech- und Wirtschaftsperspektiven besonders interessant.


Quellen zu diesem Abschnitt

Infrastruktur und Lieferketten: Wenn Straßen Netze brauchen und Dual-Use-Komponenten zur geopolitischen Grauzone werden

Wenn Drohnen und elektronische Kriegsführung das Gefechtsfeld transparenter machen, verschiebt sich ein Teil der Anpassung weg von einzelnen Waffen und hin zu etwas, das normalerweise nicht als „Fronttechnologie“ gilt: Infrastruktur und Lieferketten. Im Drohnenkrieg in der Ukraine wird sichtbar, dass moderne Kriegsführung nicht nur entscheidet, wer mehr Feuerkraft hat, sondern wer sein System aus Produktion, Logistik und Schutzmaßnahmen unter Dauerbeobachtung stabil halten kann.

Dieser Abschnitt verbindet zwei Ebenen, die für einen Tech-News-Blog besonders relevant sind:

  • Infrastruktur als Schutzobjekt: Wenn Versorgungslinien ständig aus der Luft beobachtet werden, werden Straßen selbst zu „militärischen Assets“, die geschützt werden müssen.
  • Lieferketten als unsichtbare Front: Wenn Drohnen aus zivilen Komponenten bestehen, wird die Trennung zwischen „ziviler Technologie“ und „militärischer Nutzung“ politisch und regulatorisch extrem schwierig.

Warum Logistik in der Drohnenära verwundbarer wird

Logistik war schon immer ein verwundbarer Teil militärischer Operationen, aber Drohnen verschieben die Balance. Eine Aufklärungsdrohne muss keine riesige Kolonne finden, um relevant zu sein. Es reicht, wiederkehrende Muster zu erkennen: bestimmte Strecken, bestimmte Zeiten, bestimmte „Engstellen“ wie Brücken, Waldschneisen oder Zufahrten. Gleichzeitig erlaubt die Kombination aus Drohnenaufklärung und unmittelbarer Wirkung (FPV, Artillerie, loitering munition), dass Angriffe schneller und opportunistischer werden.

Das erzeugt eine neue Realität: Nicht nur Fahrzeuge, sondern auch Routen müssen geschützt werden. Und dieser Schutz kann nicht ausschließlich aus „mehr Luftabwehr“ bestehen, weil kleine Drohnen günstig, zahlreich und schwer vollständig auszuschalten sind. Genau hier entstehen pragmatische, teilweise „analoge“ Gegenmaßnahmen.


Reuters (25.02.2026): 4.000 Kilometer Anti-Drohnen-Netze als Infrastrukturprogramm

Ein besonders konkretes, gut zitierfähiges Beispiel liefert Reuters. Am 25. Februar 2026 berichtete Reuters, dass die Ukraine plane, bis Ende 2026 rund 4.000 Kilometer Straßen mit Anti-Drohnen-Netzen zu schützen. Reuters nennt außerdem eine gesteigerte Ausbaugeschwindigkeit: 5 Kilometer pro Tag im Januar, 12 Kilometer pro Tag im Februar und ein Ziel von 20 Kilometer pro Tag im März. Quelle: Reuters (25.02.2026)

Das ist deshalb bemerkenswert, weil es den Übergang von „Frontmaßnahme“ zu „staatlichem Infrastrukturprogramm“ markiert. Netze sind keine perfekte Abwehr. Aber sie können Sichtlinien stören, Anflugwinkel erschweren, Drohnen ablenken oder sie dazu zwingen, früher zu detonieren. In vielen Fällen geht es dabei nicht um vollständige Sicherheit, sondern um Risikoreduktion und Zeitgewinn: Wenn ein Angriff schwieriger wird, steigt die Chance, dass Fahrzeuge passieren oder Abwehr reagieren kann.

Quelle: Reuters, 25.02.2026. Geplante Abdeckung von 4.000 km Straßen bis Ende 2026; Ausbaugeschwindigkeit 5 km/Tag (Januar), 12 km/Tag (Februar), Ziel 20 km/Tag (März). Link


Was diese Netze technisch bedeuten (und was nicht)

Damit der Artikel nicht nach „Wunderwaffe Netz“ klingt, ist eine saubere technische Einordnung wichtig. Netze können:

  • Direkte Kollisionen erzwingen: Eine FPV-Drohne, die mit hoher Geschwindigkeit fliegt, kann am Netz hängen bleiben oder früh detonieren.
  • Anflugwinkel beschränken: Wenn die Drohne nicht in einem geraden, optimalen Winkel anfliegen kann, sinkt Trefferwahrscheinlichkeit.
  • Reaktionszeit erhöhen: Eine Drohne muss „einen Weg finden“, was Sekunden bis Minuten bedeuten kann.

Netze können aber nicht:

  • alle Drohnen sicher stoppen: Unterschiedliche Drohnentypen, Höhenprofile und Geschwindigkeiten verändern die Wirkung.
  • EW ersetzen: Funkkrieg bleibt zentral; Netze sind eine zusätzliche Schicht, keine Alternative.
  • Wartungsfreiheit garantieren: Netze müssen installiert, repariert und über Zeit funktionsfähig gehalten werden.

Der wichtigste Punkt ist: Wenn ein Staat 4.000 Kilometer Straßen auf diese Weise schützt, zeigt das, dass Drohnen nicht als „Phase“ behandelt werden, sondern als dauerhafte Bedrohung, die Infrastrukturpolitik beeinflusst.


Die zweite unsichtbare Front: Dual-Use-Lieferketten und Komponentenströme

Die Infrastrukturreaktion ist die sichtbare Seite. Die unsichtbare Seite sind Lieferketten. Drohnen bestehen häufig aus Komponenten, die ursprünglich zivil sind: Mikrocontroller, Funkmodule, Kameras, Chips, Sensoren, Akkus. Genau das macht Drohnen so skalierbar. Gleichzeitig macht es Sanktionen und Exportkontrollen schwierig, weil der gleiche Chip in einem zivilen Produkt legal ist und in einer Drohne militärisch genutzt werden kann.

Ein konkretes, brisantes Beispiel liefert eine Recherche, die von der Brussels Times am 18.02.2026 aufgegriffen wurde (basierend auf einer Partnerrecherche, unter anderem von De Tijd). Dort heißt es, dass in russischen Geran-2-Drohnen 687 Komponenten identifiziert worden seien, davon 112 von 19 europäischen Firmen aus acht Ländern. Quelle: Brussels Times (18.02.2026)

Das ist nicht automatisch ein Beweis für vorsätzliche Lieferung oder direkte Verantwortung einzelner Hersteller. Genau das muss man redaktionell sauber trennen: In Dual-Use-Märkten können Komponenten über Zwischenhändler, Re-Export, Parallelmärkte oder Umgehungsrouten zirkulieren. Aber der Befund ist trotzdem politisch und technologisch relevant, weil er zeigt, wie schwer es ist, „zivile Tech“ von militärischer Nutzung zu entkoppeln, wenn das Endprodukt aus standardisierten Elektronikbauteilen entsteht.

Quelle: Brussels Times, 18.02.2026 (Partnerrecherche). 687 identifizierte Komponenten, davon 112 von europäischen Firmen. Link


Warum diese Lieferkettenfrage für Tech-Medien so verlinkbar ist

Für einen Tech-News-Blog ist das Lieferkettenthema oft der Teil, der aus einem „Kriegsartikel“ einen „Tech- und Industrieartikel“ macht. Denn hier treffen sich mehrere große Debatten:

  • Exportkontrollen und Compliance: Wie kontrolliert man Produkte, die in Smartphones, Kameras, Autos und Drohnen stecken können?
  • Halbleiter- und Elektroniksouveränität: Welche Abhängigkeiten entstehen, wenn wichtige Komponenten aus wenigen globalen Quellen kommen?
  • Umgehungsökonomie: Welche Rolle spielen Zwischenhändler, Re-Export-Länder und Parallelmärkte?
  • Regulierung vs. Innovation: Wie verhindert man militärische Nutzung, ohne zivile Innovation zu ersticken?

Wenn du später im Artikel noch stärker „investigativ“ sein willst, ist hier ein natürlicher Ansatzpunkt für Folge-Recherchen: Welche Komponentenkategorien (nicht nur Firmen) tauchen besonders häufig auf? Welche Bauteile sind besonders schwer zu kontrollieren? Welche Handelswege werden in offiziellen Ermittlungen oder Sanktionsdokumenten wiederholt genannt? Das sind genau die Fragen, auf die große Redaktionen gern verlinken, wenn sie gut belegt und vorsichtig formuliert sind.


Takeaway: Drohnenkrieg bedeutet auch Infrastrukturkrieg und Lieferkettenkrieg

Abschnitt 6 zeigt, dass der Drohnenkrieg nicht nur „oben“ in der Luft stattfindet. Er drückt „unten“ auf Straßen, Lager, Beschaffung und Handel. Reuters’ Bericht über 4.000 Kilometer Anti-Drohnen-Netze macht die infrastrukturelle Anpassung greifbar. Die Brussels Times-Recherche zu Komponenten in Geran-2-Drohnen macht die Lieferkettenkomplexität sichtbar.

Beides zusammen zeigt: Moderne Konflikte sind Systemkonflikte. Wer Drohnen effektiv einsetzen oder abwehren will, braucht nicht nur Operatoren und Technik, sondern auch robuste Logistik, Schutzmaßnahmen und die Fähigkeit, in globalen Komponentenströmen zu bestehen.

Im nächsten Abschnitt geht es um die Ebene, die in vielen Analysen zu kurz kommt, aber für die öffentliche Wahrnehmung entscheidend ist: den Informationskrieg. Drohnen liefern nicht nur Wirkung, sondern Bilder. Und Bilder sind im digitalen Zeitalter eine eigene Form von Macht.


Quellen zu diesem Abschnitt

Informationskrieg: Wenn Drohnenbilder Propaganda, Beweis und Risiko zugleich sind

Der Drohnenkrieg in der Ukraine wird nicht nur durch Reichweite, Frequenzen und Produktionszahlen geprägt. Er wird auch durch Bilder geprägt. Drohnen erzeugen Video in einer Qualität und in einer Dichte, die es in früheren Konflikten so nicht gab: Aufklärung in Echtzeit, Trefferaufnahmen, Schadensanalyse, Bewegungsprofile, „before and after“-Sequenzen. Diese Bilder sind nicht bloß Dokumentation. Sie sind strategische Kommunikationsmittel, sie beeinflussen internationale Wahrnehmung, sie können Abschreckung erzeugen, sie können Spenden und politische Unterstützung mobilisieren – und sie können später auch in juristischen Kontexten relevant werden.

Dieser Abschnitt ordnet ein, warum Drohnenbilder im digitalen Zeitalter eine eigene Ebene der Kriegsführung bilden. Wichtig ist dabei eine klare Trennung: Was veröffentlicht wird, ist nicht automatisch repräsentativ für das, was passiert. Plattformlogiken, Auswahl und Inszenierung erzeugen Verzerrungen. Gerade deshalb ist es journalistisch sinnvoll, Drohnenvideos als Teil eines Informationssystems zu betrachten – nicht als „objektive Kamera der Wahrheit“.


Drohnenvideo als strategisches Kommunikationsinstrument

Seit Beginn des Krieges werden Drohnenaufnahmen systematisch veröffentlicht – von ukrainischer und russischer Seite sowie von unabhängigen Akteuren. Plattformen wie Telegram, X (ehemals Twitter), YouTube und TikTok sind Distributionskanäle, auf denen Trefferaufnahmen, Artillerieeinschläge, FPV-Angriffe oder Abwehrmaßnahmen zirkulieren. In klassischen Kriegen war Bildmaterial stärker von journalistischer Vermittlung abhängig. Heute erreichen Rohbilder die Öffentlichkeit oft direkt.

Diese Videos erfüllen typischerweise mehrere Funktionen:

  • Interne Mobilisierung: Erfolge werden sichtbar gemacht, Moral und Durchhaltewillen werden gestärkt.
  • Externe Legitimation: Sichtbare Wirkung kann politische Unterstützung erhöhen oder zumindest das „Gefühl von Handlungsfähigkeit“ erzeugen.
  • Abschreckung: Trefferaufnahmen signalisieren operative Reichweite, Präzision und Präsenz.
  • Propaganda und Narrative: Selektive Darstellung kann Realitäten verzerren, Gegner delegitimieren oder eigene Verluste ausblenden.

In einem Tech-Deep-Dive ist die entscheidende Beobachtung: Die Kamera ist Teil des Systems. Sie ist nicht nur Sensorik für militärische Wirkung, sondern auch Rohstoff für Kommunikation.


Die Plattformlogik: Warum viral nicht gleich wichtig bedeutet

Die Wahrnehmung des Krieges wird stark durch Plattformmechanismen geformt. Algorithmen bevorzugen Inhalte, die kurz, emotional und visuell eindeutig sind. Genau das liefern FPV- und Drohnenvideos: klare Perspektive, dramatische Explosion, direkter „Treffer“. Das kann dazu führen, dass bestimmte Taktiken oder Waffentypen überrepräsentiert wirken, weil sie gut „funktionieren“ als Content.

Für die journalistische Einordnung sind drei Effekte besonders relevant:

  • Selektionsbias: Veröffentlicht wird häufiger, was spektakulär ist und Erfolg zeigt. Fehlschläge und routinemäßige Operationen sind seltener sichtbar.
  • Kontextverlust: Ein Trefferclip sagt selten etwas über die Gesamtlage, die Kosten, den Aufwand oder die Häufigkeit aus.
  • Attribution und Authentizität: Ohne Kontext ist oft unklar, wann und wo ein Video aufgenommen wurde und wer es wirklich produziert hat.

Für deinen Artikel ist das ein wichtiger Punkt, weil du damit erklärst, warum „Drohnenvideo = Realität“ als Kurzschluss falsch ist, ohne die Bedeutung von Drohnenbildern kleinzureden.


OSINT: Wie offene Quellen Drohnenmaterial verifizieren und auswerten

Gerade weil Plattforminhalte verzerrt sein können, ist die Rolle von Open-Source-Intelligence (OSINT) so wichtig geworden. OSINT-Analysten nutzen öffentlich verfügbare Videos, Fotos und Satellitenbilder, um Ereignisse zu verifizieren: Sie geolokalisieren Aufnahmen, prüfen Schattenverläufe und Wetterdaten, vergleichen Gebäudeformen, Vegetationsmuster oder Straßennetze mit Kartenmaterial und nutzen zeitliche Marker.

Organisationen wie Bellingcat oder das Centre for Information Resilience sind dafür bekannt, öffentlich zugängliche Materialien strukturiert auszuwerten und zu dokumentieren. Das bedeutet nicht, dass OSINT unfehlbar ist. Aber es hat einen wichtigen Effekt: Es schafft eine methodische Gegenkraft gegen reine Propaganda, weil Behauptungen überprüfbar werden.

In der Praxis folgt OSINT häufig einem wiederkehrenden Workflow:

  • Quellen sammeln: Videos, Fotos, Posts, Reuploads.
  • Metadaten und Upload-Historie prüfen: Wo verfügbar, aber oft fehlen Metadaten.
  • Geolokalisieren: Vergleich mit Karten, Satellitenbildern, Landmarken.
  • Chronolokalisieren: Zeitliche Einordnung über Wetter, Schatten, begleitende Meldungen.
  • Cross-Checking: Abgleich mit anderen Quellen, um Fälschungen zu erkennen.

Diese Methode ist für Tech-Leser besonders interessant, weil sie zeigt: Der Informationskrieg ist nicht nur Emotionalisierung, sondern auch Datenarbeit.


Drohnenaufnahmen als potenzielle Beweismittel: Dokumentation unter Kriegsbedingungen

Drohnenmaterial kann auch in juristische Kontexte hineinreichen. Hochauflösende Aufnahmen können Schäden dokumentieren, Bewegungen nachweisen oder den Ablauf eines Ereignisses plausibel machen. Gleichzeitig ist die Beweisfrage komplex: Ein Video allein ist selten „der Beweis“. Es muss authentifiziert werden, es braucht Kontext, und es muss in eine Beweiskette eingebettet werden.

Der Internationale Strafgerichtshof (ICC) und andere Ermittlungsstrukturen sammeln seit Beginn des Krieges Hinweise und Beweismaterial. In diesem Umfeld können digitale Spuren, darunter auch Videoaufnahmen, eine Rolle spielen. Das bedeutet nicht automatisch, dass jedes Drohnenvideo später vor Gericht landet. Aber es zeigt: Moderne Konflikte erzeugen digitale Archive, die früher so nicht existierten.


Deepfakes, Manipulation und Vertrauenskrise: Warum Verifikation wichtiger wird

Mit zunehmender KI-Verfügbarkeit wächst das Risiko manipulierter Inhalte. Deepfake-Technologie ist nicht nur ein Problem für politische Kommunikation, sondern potenziell auch für Kriegsnarrative. Der Ukrainekrieg hat bereits gezeigt, wie schnell falsche oder aus dem Kontext gerissene Inhalte zirkulieren können.

Wichtig ist eine saubere, vorsichtige Formulierung: Es gibt keinen öffentlich belegten Nachweis, dass systematisch großflächige Deepfake-Drohnenvideos den Krieg dominieren. Aber die technologische Möglichkeit existiert, und das verändert die Anforderungen an Journalismus und OSINT. Der sichere Umgang ist nicht Alarmismus, sondern Methodik: Geolokation, Cross-Checking, Plausibilitätsprüfung, Quellenkritik.


Transparenz als Risiko: Wenn Veröffentlichung operative Nebenwirkungen hat

Drohnenbilder sind nicht nur Kommunikation, sondern können auch operative Risiken erzeugen. Wer Material veröffentlicht, kann unbeabsichtigt:

  • Positionen verraten: Geländemerkmale oder Blickwinkel können Hinweise auf Standorte geben.
  • Taktiken offenlegen: Anflugprofile, Abwehrmaßnahmen und Routinen werden sichtbar.
  • Technische Fähigkeiten enthüllen: Bildqualität, Stabilisierung, Reaktionsmuster, mögliche Frequenznutzung können indirekt erkennbar sein.

In der Praxis müssen militärische Akteure abwägen: Öffentlichkeitswirkung gegen Informationspreisgabe. Diese Abwägung ist Teil des Informationskriegs. Sie erklärt auch, warum manche Videos stark beschnitten sind oder warum Veröffentlichungen zeitversetzt erfolgen.


Takeaway: Die Kamera ist Teil der Kriegsführung

Der Informationskrieg rund um Drohnenmaterial zeigt eine grundlegende Verschiebung: Moderne Kriege sind nicht nur physische Konflikte, sondern auch Daten- und Narrativkonflikte. Drohnen liefern Sensorik für militärische Wirkung, aber gleichzeitig Rohmaterial für Kommunikation. Plattformlogiken bevorzugen spektakuläre Bilder. OSINT versucht, diese Bilder zu verifizieren. Juristische Strukturen könnten Teile davon später als Material nutzen. Und die technische Möglichkeit der Manipulation erhöht den Druck auf Verifikation.

Für einen Tech-News-Blog ist das eine der spannendsten Einsichten: Drohnen sind nicht nur „Hardware am Himmel“, sondern auch „Content-Maschinen“, die den Krieg in Echtzeit in den digitalen Raum verlängern. Wer das versteht, versteht einen großen Teil der modernen Kriegsrealität.

Im nächsten und letzten Abschnitt fassen wir die Analyse zusammen: Welche drei bis vier Thesen bleiben nach diesem Deep Dive übrig, was ist belastbar, wo sind Grenzen der Datenlage – und was bedeutet das für die militärische und technologische Zukunft über die Ukraine hinaus?


Quellen und weiterführende Hinweise zu diesem Abschnitt

Fazit: Vier Thesen, die nach diesem Krieg bleiben – und was wir noch nicht sicher wissen

Der Drohnenkrieg in der Ukraine ist kein einzelnes „Waffensystem-Thema“, sondern ein Strukturwandel. Wer nur auf einzelne Drohnenmodelle oder spektakuläre FPV-Videos schaut, verpasst das Entscheidende: Es geht um Systeme aus Produktion, Logistik, Frequenzen, Daten und Anpassungsfähigkeit. In den Abschnitten zuvor ging es bewusst um Mechanismen und belastbare Zahlen, nicht um Hype. Zum Abschluss lohnt es sich, die wichtigsten Lehren in klaren Thesen zu bündeln – und gleichzeitig offen zu sagen, wo die Datenlage Grenzen hat.


These 1: Das Gefechtsfeld ist dauerhaft transparenter geworden, und Bewegung kostet mehr

Die neue „Luft-Schicht“ aus Aufklärungsdrohnen, FPV-Systemen und loitering munition macht es schwerer, sich ungesehen zu bewegen. Das verändert taktische Routinen: Stellungen werden häufiger gewechselt, Bewegungen werden kleinteiliger, Tarnung wird aufwendiger, und Logistik wird zum Hochrisikobereich. Dass ein Staat beginnt, Straßen in großem Maßstab physisch zu schützen, ist ein starkes Signal für diese neue Normalität. Die Reuters-Zahlen zu geplanten 4.000 Kilometern Anti-Drohnen-Netzen zeigen, wie ernst diese Bedrohung inzwischen infrastrukturell behandelt wird. Quelle: Reuters (25.02.2026)

Das bedeutet nicht, dass „klassische“ Kriegführung verschwindet. Aber sie operiert in einem Umfeld, in dem Aufklärung dichter, schneller und oft günstiger ist als früher. Wer Bewegung plant, plant heute immer auch Sichtbarkeit.


These 2: „Billig“ ist nicht das Gegenteil von „modern“, sondern wird zur strategischen Eigenschaft

FPV-Drohnen wirken so stark, weil sie die Kostenlogik verschieben. Ein System, das in Größenordnungen von wenigen hundert bis etwa 1.500 US-Dollar liegen kann, zwingt den Gegner zu Maßnahmen, die schnell deutlich teurer werden: elektronische Kriegsführung, baulicher Schutz, zusätzliche Luftverteidigung, mehr Personal, mehr Aufwand in Logistik und Tarnung. Der Effekt ist eine Kosten- und Ressourcenverschiebung, die den Krieg in Richtung Masse und Iteration drückt.

Diese Logik bedeutet nicht, dass teure Systeme irrelevant sind. Sie bedeutet, dass teure Systeme in einer Welt operieren, in der sehr günstige Systeme permanent Druck erzeugen können. Und dieser Druck ist nicht nur kinetisch, sondern organisatorisch: Er zwingt zur Umstellung von Abläufen.


These 3: Produktion, Ersatzteile und Training entscheiden – nicht nur Technik

Der vielleicht wichtigste Befund aus der Produktionsperspektive ist, dass Drohnen im Ukrainekrieg in einer industriellen Dimension gedacht werden. Die OSW-Zahlen zu 2,2 Millionen UAVs (2024) und erwarteten über 4,5 Millionen (2025) zeigen eine Kriegsökonomie, in der Drohnen als Verbrauchsgüter behandelt werden. Quelle: OSW (14.10.2025)

Gleichzeitig zeigt OSW auch die operative Realität: Hohe Gesamtproduktion heißt nicht automatisch, dass einzelne Einheiten ausreichend versorgt sind. Die von OSW beschriebene Lücke zwischen „mehrere hundert FPV pro Brigade und Monat“ und einem geschätzten Bedarf von etwa 2.500 ist ein Warnsignal. Es macht klar: Der Engpass liegt nicht nur in Hardware, sondern in Organisation, Ausbildung und Durchsatz der gesamten Kette.

Das ist eine der stärksten Lehren für andere Staaten: Wer Drohnenfähigkeit aufbauen will, muss nicht nur kaufen, sondern ein System aus Ausbildung, Wartung, Ersatzteilen, Funkmanagement und Prozessintegration aufbauen.


These 4: Elektronische Kriegsführung und Gegeninnovationen erzeugen einen Wettlauf ohne Endpunkt

Elektronische Kriegsführung ist im Drohnenkrieg kein Nebenkriegsschauplatz. Sie ist die zweite Front. Jamming und Spoofing beeinflussen, ob Drohnen überhaupt funktionieren, und Ortung beeinflusst, ob Drohnenteams überleben. RUSI beschreibt diese Realität als Wettbewerb im elektromagnetischen Spektrum mit ständigen Trade-offs und klaren organisatorischen Anforderungen. Quelle: RUSI (PDF)

Gleichzeitig zeigt der Krieg, dass EW nicht das „Ende der Drohnen“ ist, sondern der Motor für Gegeninnovationen: Frequenzwechsel, Antennenoptimierung, Navigation ohne GNSS, und als besonders drastische Umgehung die Rückkehr zu kabelgebundenen Lösungen wie Glasfaser-FPV. Das Ergebnis ist ein Wettlauf: Jede Lösung erzeugt eine Gegenlösung. Das macht „dominante Technologie“ in diesem Krieg oft temporär.


Was wir noch nicht sicher wissen (und warum das wichtig ist)

Ein sauberer Abschluss muss auch benennen, wo Daten fehlen oder nicht verlässlich öffentlich sind. Drei Bereiche sind besonders sensibel:

  • Genauquoten und Verlustursachen: Wie viele Drohnen durch EW, wie viele durch kinetische Abwehr, wie viele durch Defekte ausfallen, ist selten öffentlich in harten Statistiken verfügbar.
  • Autonomiegrad im Detail: Viele Behauptungen über KI und autonome Funktionen sind schwer zu verifizieren, weil militärische Details geheim bleiben und Social-Media-Berichte oft übertreiben.
  • Lieferkettenmechanismen: Dass Komponenten in Endprodukten gefunden werden kann belegbar sein, aber die Frage „wie genau“ sie dorthin kamen, erfordert oft Ermittlungsdaten, die nicht öffentlich sind.

Diese Unsicherheit ist kein Argument gegen Analyse, sondern ein Argument für Transparenz. Ein verlinkbarer Tech-Deep-Dive gewinnt nicht dadurch, alles zu „wissen“, sondern dadurch, klar zu zeigen, was belegt ist, was wahrscheinlich ist, und was noch offen bleibt.


Was das für die Zukunft bedeutet

Der Drohnenkrieg in der Ukraine wird als Referenzfall wirken, weil er sichtbar macht, wie schnell kommerzielle Technologie militärisch adaptiert werden kann und wie stark sich Kriegsführung in Richtung Daten, Frequenzen und Industrie verschiebt. Vier Konsequenzen sind wahrscheinlich:

  • Mehr Investitionen in Drohnenabwehr und EW: Nicht als Spezialfähigkeit, sondern als breite, integrierte Fähigkeit.
  • Mehr Fokus auf industrielle Durchhaltefähigkeit: Produktion, Ersatzteile und Ausbildung werden strategische Ressourcen.
  • Mehr Regulierung und Debatten um Dual-Use: Lieferketten werden politischer, Exportkontrollen komplexer.
  • Mehr Bedeutung von Verifikation: Drohnenbilder und digitale Spuren erhöhen Transparenz, aber auch Manipulationsrisiken.

Damit bleibt als Kernbefund: Der Drohnenkrieg in der Ukraine ist nicht nur eine Geschichte über Drohnen. Er ist eine Geschichte darüber, wie moderne Konflikte zu Systemwettbewerben werden, in denen Hardware, Software, Industrie, Infrastruktur und Narrative miteinander verschmelzen.


Quellenüberblick (Kernquellen dieses Artikels)

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